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Glauben und Psychotherapie – Zwei Formen des Sich-Findens

Sehr geehrte Damen und Herren,
wir haben heute ein schwieriges Thema zu bearbeiten: Glauben und Psychotherapie. Wie passt das zusammen? Und was heißt: sich finden? Gibt es heute eigentlich noch etwas zu finden?
Sie mögen erstaunt sein, dass ich so frage, aber schauen Sie:
Wenn ich etwas finde, habe ich ja etwas in der Hand, das fest und konstant ist, z.B. einen Stein. Wenn ich mich fragend finde, so gehe ich davon aus, dass ich mich in meiner Identität finde, die konstant und zusammenhängend in den Eigenschaften ist, um nur zwei Merkmale zu nennen.
Glaube ich aber der Soziologie unserer Zeit, so scheint die Zeit der stabilen personalen Identität vorbei zu sein. Im wissenschaftlichen Diskurs spricht man heute von situativer Identität, von Bastel-Mentalität, von Spielidentität und wenn ich Douglas Kellner zitiere, so lautet es niederschmetternd so:
„Identität ist heute zu einem frei wählbaren Spiel geworden .... zu einer theatralischen Darstellung des Selbst, in der man sich in einer Vielzahl von Rollen, Bildern und Aktivitäten präsentieren kann, ohne sich über Brüche, Verschiebungen und sogar dramatische Veränderungen Gedanken machen zu müssen“ (Rosa, H., 2012, 238).
So löst sich Identität in der Zeit der Beschleunigung und der Globalisierung auf!! - Seien wir wachsam!

 

Aber ich hoffe, dass der eben zitierte wissenschaftliche Diskurs an der Alltagswirklichkeit vorbeigegangen ist. Tendenzen gibt es sicher in diese Richtung, ja, aber ich hoffe, dass Sie sich noch konstant und kohärent, sprich zusammenhängend, in Ihrer Identität hier und jetzt sitzend erleben.
Lassen wir uns zudem von Botho Strauss Mut machen, der in seinem Buch „Lichter der Toren“ auch in unserer Zeit noch feststellt:
„Große Gemälde lehren: der Mensch sei noch von andersher beleuchtet als nur von Mensch zu Mensch.“     
Wir sollten uns also auf den Weg machen!
Ich will Ihnen noch kurz einen roten Faden an die Hand geben, damit Sie mir besser folgen können, denn unser Thema ist nicht ganz leicht.

  • Ich werde das Ich unterscheiden in ein psychologisches Ich und ein metaphysisches Ich. Hier lehne ich mich gern an L. Wittgenstein an, der in den Gesprächen über Glauben mit seinen Freunden diese Unterscheidung jeweils machte. Damit ist klar, dass das psychologische Ich in den Teil der Psychotherapie fällt und das metaphysische Ich in den des Glaubens.
  • Ich werde zeigen, dass das neuplatonische Denken noch heute lebendig ist. Karl Rahner, den ich mehrmals zitieren werde, ist vor dem Hintergrund mit seinen von mir zitierten Äußerungen zu verstehen.
  • Ich mute Ihnen somit die negative Theologie zu. Sie ist der rote Faden, der für denjenigen/diejenige schwer zu halten ist, wem dieser Begriff neu ist. Negative Theologie bedeutet vereinfacht gesagt, dass wir uns immer fragen müssen, ob unser Bild von Gott richtig ist, ob es nicht dem jeweiligen Zeitgeist unterliegt, ob es nicht menschliche Bilder von Gott sind und eigentlich nicht Gott sein kann.
  • Auch in nachmetaphysischer Zeit wird noch über Glauben geredet, allerdings in einer Sprache, die übersetzt werden muss. Dieter Henrich und Helmuth Plessner sind mir hier Zeugen.

Ich trage jetzt meinen Vortrag langsam vor und hoffe dann auf eine anregende Diskussion.
Wer sich das Thema Glaube und Psychotherapie in Zusammenhang mit dem Weg des Sich-Findens ausgedacht hat, den müssen Fragen bewegt haben, die nicht so leicht zu beantworten sind. Fragen, die ihn bedrängen und vielleicht uns auch. Welche Fragen sind es? - Wer bin ich? Wie kann ich meiner sicher sein? Von woher nehme ich das Recht, mich so zu sehen, so dass ich mich sicher fühle in meinem Selbstbild? Wie und woran glaube ich eigentlich? Wie ist mein Gottesbild? Wieso kann ich mich im Glauben finden? Woher kommt das Gefühl, in Gott geborgen zu sein? Wie kann ich all das beweisen? Gibt es überhaupt einen Beweis?
Vielleicht gibt es noch mehr Fragen, aber ich glaube, diese Fragen reichen, um zu spüren, welche „Tiefe“ das Thema ansteuert. Diese Fragen stellen sich jedem bewusst lebenden Menschen immer wieder, so dass es kein einmaliger Erkenntnisakt ist, sie zu beantworten. Diese Fragen begleiten uns, so wir bewusst leben, in jeder Lebensphase und wollen immer aufs Neue beantwortet werden.
Dann impliziert der Untertitel auch die Frage nach dem besseren der zwei Wege, den des Glaubens oder den der Psychotherapie? Zumindest stellt sich doch diese Frage, denn ich muss mich doch entscheiden, für die Psychotherapie oder für den Glauben. Oder sollte ich lieber beide Wege gehen, nach dem Motto: Sicher ist sicher!
Ich nehme das Ergebnis dieser Frage vorweg: es gibt kein Kriterium, das für beide Wege relevant ist, um entscheiden zu können, welcher Weg besser ist. Jeder einzelne Mensch muss für sich entscheiden, welcher sein Weg ist. Wie heißt es so schön: welche Philosophie jemand für sich wählt, hängt davon ab, was für ein Mensch er ist. Das gilt auch für unser Thema!
Wir sind also auf uns zurückgeworfen und müssen uns wieder fragen, wer wir sind. - Wir scheinen uns im Kreis zu drehen!
Es scheint so, aber in Wirklichkeit haben wir uns mit den bisher gestellten Fragen schon auf den Weg gemacht. Halten wir ein und stellen fest:
Glauben und Philosophie, sprich Metaphysik, können wir offensichtlich schnell in Zusammenhang bringen. Gilt das auch für Psychotherapie? Erhebt die Psychotherapie überhaupt den Anspruch, auf die Frage, wer ich bin, eine Antwort zu geben? Will ich mich in der Psychotherapie finden, oder will ich mich durch Selbsterkenntnis von meinem Leid, meinen Neurosen, oder systemisch formuliert, von meinen dysfunktionalen Beziehungsmustern befreien?
Beginnen wir mit der Psychotherapie!
Also, wenn ich mich an einen Psychotherapeuten wende und ihm als erstes mitteile, dass ich nicht weiß, wer ich bin, dann laufe ich Gefahr, dass jener sofort sehr vorsichtig wird, denn in seinem Hinterkopf stellt sich die Frage nach der Schwere des Störungsgrades! Also man sollte mit der Erzählung seiner psychischen Probleme beginnen.
Was macht uns das sofort klar? In der Psychotherapie stellt sich nicht primär die Frage nach dem, wer bin ich! Wenn sie mitschwingt, dann kann die Antwort nicht die Tiefe erreichen, die die Philosophie beansprucht, wenn sie nach dem Selbst fragt. Die Philosophie fragt über den Weg der Vernunft nach dem tiefsten Grund in mir, in dem ich mich selber zu finden hoffe. Der Glauben fragt nicht nach dem letzten Grund, sondern wer glaubt, weiß den letzten Grund, in dem ich geborgen bin.    
Vielleicht können wir es so differenzieren: der Weg der Psychotherapie ist der Weg des Wissens, der Glaube ist der Weg des Nicht-Wissen-Könnens!
Mit dem letzten Teil des Satzes habe ich voraus gegriffen. Bleiben wir bei der ersten Hälfte des Satzes: der Weg der Psychotherapie ist der Weg des Wissens.
Was heißt das? In der Psychotherapie lerne ich mich kennen, indem ich mir meiner Psychodynamik bewusst werde. Ich lerne mich in der Psychotherapie im elaborierten Code der jeweiligen Therapieschule zu beschreiben: ich rede über mein Unbewusstes, das mir über Symbole erreichbar zu sein scheint, ich rede über mein Ich und seine Grenzen, die ich in der Kindheit auch durch die Prägung im Elternhaus erfahren habe, ich rede über mein Über-Ich, das mich moralisch eingrenzt, um in der Gesellschaft bestehen zu können, ich rede über dysfunktionale Strukturen, um Störungen, in denen ich gefangen bin, aufzulösen. In diesem Prozess der Selbstwahrnehmung, mich in meinen kindlichen Verhaltensmustern zu erkennen, lerne ich vielleicht neue Muster, so dass ich mich von meinem Leid befreien kann, oder ich lerne mich wenigstens anzunehmen, so wie ich bin. In der entsprechenden Sprache der jeweiligen Therapieschule gelingt es mir, mein Selbstbild zu differenzieren oder mein Selbstbild mit dem Fremdbild, das mir die Gesellschaft entgegenhält, abzugleichen, um nicht länger irritiert zu sein, wenn die Differenz beider Bilder zu groß ist.
Wenn ich so den Prozess der Psychotherapie beschreibe, dann fällt auf, dass mein Selbsterkennen an der Sprache, gerade an der elaborierten Sprache der jeweiligen Schule gebunden ist und bleibt:
Ich habe z.B. eine depressive Grundstruktur, ich bin hysterisch, ich habe paranoide Anteile, ich bin manchmal manisch, ich bin beziehungsgestört etc.
Mein Sich-Finden ist an der Sprache gebunden, die ich nicht überschreiten kann. Damit habe ich zugleich die Grenze des Erkennens benannt.
Was hat Ludwig Wittgenstein von dieser Grenze gesagt? Er sprach von dem Käfig, dem wir nicht entkommen können. Im Traktatus sagt er: „ Die Grenzen meiner Sprache, bedeuten die Grenzen meiner Welt.“ (Traktatus, 5.6)
Also: die elaborierte Sprache der Psychotherapie ist die Möglichkeit des Sich-Erkennens. Aber durch die Versprachlichung des Verstehens der eigenen Psychodynamik wird meine Lebensgeschichte auch zur Deutungsgeschichte. Und wie wir alle wissen, deuten wir ein und dasselbe Ereignis in unserem Leben oftmals anders, je nach momentanem Kontext oder je nach Altersstufe, in der wir uns befinden.
Wir können also zusammenfassend sagen: in der Psychotherapie finde ich mich in meiner Deutungsgeschichte, die fließend ist, die auch von der jeweiligen Sprache abhängig ist, in der ich mich dann zu Hause fühlen kann, solange meine Deutungsgeschichte nicht durch andere Erfahrungen, die plötzlich auftreten können, korrigiert werden muss.
Damit haben wir aber auch eine Eingrenzung des Sich-Findens in der Psychotherapie vorgenommen. Wir haben nämlich die Fragen des spekulativen Denkens „Wer bin ich? Woher komme ich? Wohin gehe ich?“ abgeschnitten oder ausgeklammert, obwohl diese Fragen dem Menschen wesenhaft sind.
Jeder Mensch steht bei diesen Fragen nach seinem Sein an der Grenze des Erfassbaren und Erfahrbaren. Er will die sprachliche Grenze überschreiten und drängt in seinem spekulativen Denken darüber hinaus. Wittgenstein sagte 1930 in seinem Ethikvortrag zu diesem Streben:
„Es trieb mich gegen die Grenzen der Sprache anzurennen – wie es, glaube ich, alle Menschen getrieben hat, die jemals über Ethik oder Religion zu schreiben oder zu sprechen versucht haben. Dieses Anrennen gegen die Grenzen unseres Käfigs ist völlig und vollkommen hoffnungslos. ..... Aber sie (die Ethik und das Reden über den letzten Sinn des Lebens kann keine Wissenschaft sein d. Verf.) ist ein Dokument einer Tendenz im Menschen, die hoch zu achten ich nicht umhin kann und über die ich mich um keinen Preis lustig machen möchte.“

 

Damit sind wir im zweiten Teil des Vortrages angekommen, dem Sich-Finden im Glauben. Wie sieht dieser Weg nun aus, wohin führt er uns?
Erinnern Sie sich, dass ich gesagt habe: Der Weg der Psychotherapie ist der Weg des Wissens und der Weg des Glaubens ist der Weg des Nicht-Wissen-Könnens! Was heißt das?
Beginnen wir von vorn: der Glauben soll auch ein Weg des Sich-Findens sei, so der Untertitel dieses Vortrages. Also muss ich mich doch zunächst fragen, woran ich eigentlich glaube, damit in mich darin auch finden kann? Welches Gottesbild habe ich? Wie kann Gott für mich heute noch im Zeitalter der Naturwissenschaften Schöpfer sein? - Herr Prof. Neyer hat diese Frage im ersten Vortrag versucht zu beantworten, indem er von der Prozesshaftigkeit, in der sich der Schöpfer zeigt, sprach. – Es gibt heute viele Versuche, eine Antwort zu geben. Wer sagt mir, welche Vorstellung von Gott richtig ist? Die Kirche hat sehr viel Autorität verloren. Ich denke jetzt nicht an die Missbrauchsfälle oder die Verschwendungssucht, nein, ich denke an die weichgespülten Predigten, in denen all zu oft Humanismus gepredigt wird und nicht christlicher Glaube! Ist das noch Religion oder die Umsetzung der Theologie in den Alltag hinein?
Wo suche ich, wer zeigt mir den Weg?
Augustinus kennt diese Fragestellung und beantwortete sie 390 nach Christi in seinem Buch „De vera religione“:
„Geh nicht nach außen, kehr wieder ein bei dir selbst! Im inneren Menschen wohnt die Wahrheit.“ ( Augustinus, 2006, S.123)
(Hier kann man Religion als Zurückbindung, vom Verb religare verstehen. Es wird aber auch vom Verb relegere, wieder aufwickeln, oder zuletzt rem ligere, eine Sache binden, abgeleitet.)

 

Und weiter sagt Augustinus:
„Denn alles vernünftige Leben, wenn es vollkommen ist, gehorcht der unwandelbaren Wahrheit, die innerlich geräuschlos zu ihm spricht.“ (ebenda, S.181)
Wir werden auf uns zurückgeworfen und sollen auf das geräuschlose Reden in uns lauschen. Also er verweist mich auf meinen tiefsten Grund. Dann spricht er paradox: ich soll auf die geräuschlose Rede der Wahrheit hören?
Augustinus versucht etwas zur Sprache zu bringen, was offensichtlich jenseits der Sprache liegt.
War in der Psychotherapie die Sprache die anerkannte Grenze des Sich-Beschreibens und des Sich-Verstehens, so muss augenscheinlich der Glaube gegen diese Grenzen angehen und sie versuchen zu überschreiten, um die Tiefe des Glaubens, schließlich den tiefsten Grund im Innern eines jeden zu erfahren.
Ich werde daher jetzt noch einige paradoxe Aussagen machen müssen, wenn ich den von Augustinus angeratenen Weg gehe.
Karl Rahner beschreibt dazu die Not in unserer Zeit recht deutlich, wenn er von Gott spricht, der sich uns „im Modus des Sichversagens, des Schweigens, der Ferne, des dauernden Sichhaltens in einer Unausdrücklichkeit“ verhält. (Rahner, Grundkurs, 2008, S.66)
Meister Eckhardt drückt das in Predigt 22 so aus:
„Er ist das verborgene Dunkel der ewigen Gottheit und er ist unerkannt und ward nie erkannt und wird nie erkannt werden.“ (Eckhart, 1993, S.265)

Ich kann also Gott nicht sprachlich ausdrücken. Ich kann keine Vorstellung von dem ganz Anderen, von Gott, haben. Ich muss einsehen, dass ich vermensch-lichte Bilder von Gott habe. Das ist aber nicht Gott. Wie sagte schon Dietrich Bonhöfer: „Einen Gott, den es gibt, gibt es nicht.“
Ich will nochmals Meister Eckhardt zitieren, der in Predigt 23 sagt: „Er ist gar nichts, er ist weder dies noch das. Denkst du noch irgendetwas, das er sei, das ist er nicht.“ (Eckhart, 1993, S.271)
Kurz, ich kann nur analog, d.h. bildhaft von Gott reden, also innerhalb der sprachlichen Möglichkeiten. Und wenn ich mir dessen bewusst bin, dann weiß ich, dass ich diese Bilder, diese Analogien, sofort wieder auflösen muss. So kommt es zu der Notwendigkeit des paradoxen Sprechens!
Alle Worte sind dann wieder mit Karl Rahner gesprochen, „Verweise auf die unthematische Erfahrung unsrer Verwiesenheit in das unsagbare Geheimnis hinein.“ (Rahner, 2008, S.57)
Dieser Weg soll also der Weg des Sich-Findens im Glauben sein? Ja. Auch der Philosoph Dieter Henrich spricht, wenn er von solchen Gedanken, die er „letzte Gedanken“ nennt.
„In ihnen wird ein Leben in einer Summe zusammengefasst und zugleich auf das Ganze dessen, was ist, bezogen. Ein solcher Gedanke greift immer über das hinaus, was aus dem Alltagswissen oder der wissenschaftlichen Erkenntnis bekannt ist, geht also auf etwas diesseits oder jenseits (meta) der Physik aus.“ (Henrich, 1999, S.194f)
Also der Philosoph in nachmetaphysischer Zeit spricht vom Ganzen, vom Hinüber-Hinausgreifen über das Erkennbare, sei es im Alltag oder in der Wissenschaft. Mit anderen Worten, er spricht damit auch von religiösen Gedanken, die er so nicht nennt, aber darauf verweist, Gedanken, die die Grenzen des Erfahrbaren überschreiten. Karl Rahner würde jetzt sagen, es sind Gedanken über das „unbegreifliche, namenlose Geheimnis.“ (Rahner, 2008, S.405)

Wieso kann ich mich dann so finden, werden Sie sich jetzt fragen? Sie werden auch längst gemerkt haben, dass ich Ihnen auch neuplatonisches Wissen hier vortrage. –Aber nicht allein! Dieter Henrich ist kein Neuplatoniker. Dieter Henrich, 1927 geboren, hat sich in seiner Arbeit auf den deutschen Idealismus konzentriert. Also, es scheinen Gedanken zu sein, die zeitlos sind und die immer wiederkehren, je nach Zeitgeist in anderen Worten.
Auch Wittgenstein sprach ja vom Unaussprechlichen, das das Mystische sei, das sich zeigt, wie ich schon zitierte. Es zeigt sich, kann nicht verbalisiert werden. Zum Schluss des Traktatus sagt er ja auch:
„Wovon man nicht sprechen kann, darüber muss man schweigen.“ (6.54)
Also, wie soll ich mich in diesen Gedanken, Gedanken über das unaussprech-liche Geheimnis, das Christen Gott nennen, finden können?
Zunächst bleibt dieses Unaussprechliche, das im Inneren zu mir geräuschlos spricht eine Konstante. Ich versuche mich also in meinem Grund zu spiegeln. Dies ist eine konstante Auseinandersetzung mit mir und meinen Gedanken über dieses Geheimnis, keine freie Assoziation, sondern Gedanken, die vernünftig sind. Und diese Konstanz des geräuschlosen Sprechens ist eine sehr wichtige, wenn nicht die wichtigste. Ich erfahre mich in dieser Auseinandersetzung immer als derselbe gegenüber dem immer Gleichen, um es profan auszudrücken.
Diese Gedanken, dieses stetige Ringen, die Grenzen zu überschreiten versuchen, geben mir also ein Gefühl des Sich-Näherns. Dieses Gefühl macht mich irgendwie sicher, es macht mir auch Mut, mich in diesem Streben dieser Grenze zu nähern.
Karl Rahner drückt das so aus:
„Der Mensch, der sich überhaupt auf seine transzendentale Erfahrung des heiligen Geheimnisses einlässt, macht die Erfahrung, dass dieses Geheimnis nicht nur der unendlich ferne Horizont, (das abweisende und distanzierend-richtende Gericht über seine Um- und Mitwelt und sein Bewusstsein ist, nicht nur das Unheimliche, was ihn zurückscheucht in die enge Heimat des Alltags), sondern dass dieses heilige Geheimnis auch die bergende Nähe ist, die vergebende Intimität, die Heimat selber, die Liebe, die sich mitteilt, (das Heimliche, zu dem man von der Unheimlichkeit seiner eigenen Lebensleere und -bedrohtheit fliehen und ankommen kann.“) (Rahner, 2008, S.131)

Wenn ich kurz über das Wort „Heimat“ nachdenke, dann weiß ich, dass ich zu Hause bin, wo ich mich auskenne, d.h. doch wohl in unserem Zusammenhang: dort, wo ich mich finde, wo ich mir meiner Identität sicher bin auch weil ich geliebt werde.
Also der Weg des Sich-Findens im Glauben ist wirklich der Weg des Nicht-Wissens-Könnens im Sinne des unaussprechlichen Geheimnisses, es ist der Weg des Sich-Näherns an dieses Geheimnis.
Steigen wir jetzt in den Alltag und werden pragmatisch. Wie sieht der Weg des Findens nun in unserem Alltag aus?
Der erste Schritt ist wohl der des Innehaltens! Ich muss mich aus der Alltagsroutine, beruflich wie privat, aus dem Alltagslärm, aus der Zerstreuung und Ablenkung herausziehen, um mich auf mich konzentrieren zu können. Ich muss anfangen über mein Denken zu denken, will ich mich an die Grenzen des Denkbaren bewegen. Es ist eben das vernünftige Denken, das dem Verstand die übergeordneten Begrifflichkeiten andient. – Welche Gedanken kommen mir also? Wieso jetzt diese Gedankendynamik und keine andere? Wohin führen sie mich dann meine Gedanken? Es geht nicht um eine freie Assoziation, sondern um ein gezieltes Sich-Nähern an den undenkbaren Grund. Es ist mein Weg der Vernunft, der mich zur unmittelbaren Erfahrungsmöglichkeit des unsagbaren Geheimnisses führt.
Und dieses Innehalten muss ich aushalten. Ich muss auch der aufkommenden Unklarheit, den Zweifeln standhalten und meiner Vernunft vertrauen, dass diese Phase des Denkens zum Sich-Finden gehört. Ich muss also glaubend vertrauen, dass ich mich so dem tiefsten Geheimnis nähere. Es ist ein ständiges Ringen um das Geheimnis, um das Unaussprechliche. Und dieses Ringen, diese vernunftgeleitete Selbstreflektion wirkt irgendwie stärkend zurück, weil ich mich dann richtiger, echter erlebe.
Dieses echte Erleben ist auch das Gefühl des Geliebt-Werdens, des Geborgenseins in der vergebenden Intimität, d.h. doch wohl: in sich Liebe zu spüren. Die alten Griechen sprachen von Eigenliebe, die aber ihren letzten Grund in der bergenden Liebe, in Gott hat. Platons gelebte Philosophie will uns Gott gleich machen! –
Unterstützung findet dieses innere Erleben auch im Gebet und religiösen Riten als persönlich erlebte und gelebte Wirklichkeit. Heute ist dieser Weg aber schwerer, weil wir heute nicht mehr so einfach die vorgelebten Formen und Riten nachleben können. Daher sprach Karl Rahner schon 1966, dass der Fromme von morgen ein Mystiker sein wird, der etwas erfahren hat, weil ihn die religiösen Sitten allein nicht mehr tragen werden, oder er wird kein Frommer sein. (vgl. Rahner, 1966, S.22f)
Wir werden also immer auf uns zurückgeworfen und müssen uns immer wieder um unseren tiefsten Grund bemühen, um uns schließlich in diesem Grund in unserem wesenhaften Sein zu finden. Sören Kierkegaard sprach in seiner Sprache vom Sprung. Es ist eine Metapher, die genau auch das Ausgeliefert-Sein ausdrückt. Im Augenblick des Sprunges gibt es kein zurück.
Lassen Sie mich nun mit den Worten von Helmuth Plessner, dem Anthropologen, diesen Findungsprozess zum Schluss beschreiben. Das Zitat rundet auch den Vortrag ab, weil er beide Wege des Sich-Findens im Glauben und in der Psychotherapie aufnimmt und bewertet:

„Letzte Bindung und Einordnung, den Ort seines Lebens und seines Todes, Geborgenheit, Versöhnung mit dem Schicksal, Deutung der Wirklichkeit, Heimat schenkt nur Religion. .......  Wer nach Hause will, in die Heimat, in die Geborgenheit, muss sich dem Glauben zum Opfer bringen. Wer es aber mit dem Geist hält, kehrt nicht zurück.“ ( Plessner, Bd. IV, S.420)
Vielen Dank für Ihre Geduld!

 

Literatur:
Augustinus, De vera religione, Stuttgart, 2010
D. Bonhoefer, in: G. Vattimo et.al., Christentum im Zeitalter der Interpretation, Wien, 2004,
D. Henrich, Bewusstes Leben, Stuttgart, 1999 
H. Plessner, Die Stufen des Organischen und der Menschen, Bd.IV, Frankfurt, 2003
Meister Eckhart, Predigten, Frankfurt, 1993
K. Rahner, Grundkurs des Glaubens, Freiburg, 2008
K. Rahner, Schriften zur Theologie, Bd. VII, Zürich, 1966
L. Wittgenstein, Tractatus logico – philosophicus, Frankfurt, 1990
L. Wittgenstein, Geheime Tagebücher, Wien, 1991

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