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Wie kann ein Gottesbegriff aussehen, der mich betrifft?

Wie kommt so ein Thema auf? Wäre dieses Thema vor, sagen wir, 40 Jahren aufgekommen? Sicherlich nicht! Offensichtlich hat das mit dem heutigen Zeitgeist zu tun, der uns umweht.
Es ist die Zeit der Oberflächlichkeit und des rasenden Stillstands. Wir drohen in der Informationsflut zu ersticken und zu allem Übel haben wir noch den Drang, ja nichts zu verpassen. So kommt es bei uns nicht mehr zu einem tiefen Denken, denn wir müssen ja immer dem Aktuellen hinterher jagen. So merken wir kaum, dass wir nur noch leichte „Info – Kost“ vertragen, denn wie gesagt, zum nachhaltigen Denken fehlt uns die Zeit.
Leider habe ich den Eindruck mit der Zeit gewonnen, dass auch in der Kirche die Bibel auch „weich gespült“ wird, so dass sich ein bewusst lebender Mensch, der sein Leben führt und nicht einfach lebt, nicht in der Kirche ernst genommen fühlen kann.
Bei den Predigten geht meistens z.B. der Unterschied zwischen Humanismus und Theologie verloren. Es macht doch wohl hoffentlich immer noch einen deutlichen Unterschied, ob ich von humanen Hilfsleistungen oder von Nachbarschaftshilfe spreche oder ob ich von der Liebe Gottes zu seinem Sohn spreche. Anders formuliert: eine Predigt, die nur die Horizontale des Kreuzes, also die Immanenz bedient und nicht auch gleichwertig und gleichzeitig die Vertikale, d.h. die Transzendenz einbezieht, läuft Gefahr, in ihrer Aussage das vermissen zu lasse, was den Glauben eigentlich ausmacht.
Was heißt das? Wenn wir über Gott reden, dann dürfen wir nie vergessen, dass Gott das Unbenennbare, das ganz Andere ist. Das meinte ich ja mit der Vertikalen des Kreuzes, das, was jenseits unserer Sinne liegt, das, was wir nur mit der Vernunft erreichen können, wie uns die Neuplatoniker lehrten und die Kirchenväter wie Augustinus übernommen haben.

Wenn wir das konsequent ernst nehmen, dann werden wir uns bewusst, dass unsere Sprache an ihre Grenze stößt, wenn wir über Gott in dem Bewusstsein, das er das Unbenennbaren ist, reden wollen.

Anders formuliert: eine affirmative, eine bejahende Theologie allein ist nicht in der Lage, das zu vermitteln, was Gott ausmacht. Zur affirmativen Theologie gehört notwendigerweise die negative Theologie. Beide bedingen sich einander, die eine kann es nicht ohne die andere. Wie sagte Karl Rahner: 

„Bei diesem Reden (Reden über Gott, d.Verf.)vergessen wir dann meistens, dass eine Zusage immer nur dann einigermaßen legitim von Gott ausgesagt werden kann, wenn wir sie gleichzeitig auch immer wieder zurücknehmen, die unheimliche Schwebe zwischen Ja und Nein als den wahren und einzigen festen Punkt unseres Erkennens aushalten.“

Also vom Gläubigen wird verlangt, dass er in der Lage ist, die positive Aussage über Gott auch gleichzeitig wieder aufzulösen. Bonhöfer hat uns das gut in dem Satz verdeutlicht:

„Einen Gott, den es gibt, gibt es nicht.“

Das ist die unheimliche Schwebe, von der Rahner spricht.
Wenn man diese Aussage konsequent umsetzen will, dann beginnt ein interessanter, vielleicht beunruhigender Selbstwahrnehmungsprozess im Menschen. Es stellen sich ihm dann Fragen wie z.B.:

  1. Wie sieht mein Gottesbild eigentlich aus?
  2. Wie denke und fühle ich eigentlich über Gott?
  3. Gelingt es mir, das abstrakte Wort „der ganz Andere“ im inneren Dialog mit mir zu halten?
  4. Welche Korrekturen auch an meinem Menschenbild muss ich vornehmen?
  5. Lässt sich ein vielleicht dann neu entstehendes Gottesbild in mir leben, d.h. trägt mich dieses Bild kognitiv wie emotional?

Diese Fragen stellen sich zwangsläufig, wenn ich mich den Aussagen Rahners oder Bonhöfers nicht verschließe, weil jeder in uns zunächst ja ein rein affirmatives Gottesbild in sich trägt, das er zunächst aus seiner Kindheit übermittelt bekommen hat.
So gerät der Mensch dann unversehens in eine Reflektion über sich, er stellt sich Fragen nach seinem Selbst.  
Ich, der ich kein Theologe bin, habe mich auf diesen Weg der Selbstwahrnehmung gemacht und mich gefragt, was diese Erschütterung im Selbst bewirkt und warum dieses Selbst überhaupt tangiert wird.
Wie sie sofort merken werde, spreche ich hier nicht über das Selbst in psychologischer oder therapeutischer, sondern in erkennntnistheoretischer, philosophischer Weise.
Wir müssen uns einmal fragen, was das Selbst eigentlich ist und wie wir es beschreiben können, welchen „Inhalt“ es eigentlich hat?
Sehr schnell werden wir dann merken, dass wir in einen nicht endenden Regress geraten, wenn wir uns Stufe für Stufe fragend bewusst machen wollen, was mein Selbst ist.
Fragen sie sich doch mal ganz unvoreingenommen: Wer spricht eigentlich? -  Natürlich ich! Richtig!   Fragen sie sich jetzt einmal weiter, was denn vor dem „in mir“ war, bevor ich sprechen konnte?  - Da merken Sie, dass es spannend wird!

Ich will mich an dieser Stelle gern auf Dieter Henrich beziehen, der viel über Denken und Selbstsein, - so ein Titel seines Buches -, geschrieben hat und ich will ihn einmal zitieren:

„Was ich bin, kann ferner nicht in dem aufgehen, was das Wissen von mir selbst ausmacht. Ich weiß von mir, wenn ich von mir weiß, von mehr als nur von meinem Wissen von mir.“
(Frankfurt,2007 S.31)

Darüber könnten wir jetzt schon lange nachdenken. Und weiter sagt Henrich in diesem Zusammenhang:

„In dem Denken aber, das sich auf das konzentriert, was wir wirklich von uns wissen, werden wir über uns selbst hinausgeführt und gelangen zu einem Ganzen, das uns ebenso überragt, wie es uns ein Leben ermöglicht, das wir frei in der Erfahrung dieses Ganzen führen können.“(s.o.S.26)

Also: wenn wir so nach uns fragen, dann werden wir über unsere Selbstbeschreibungen hinausgedrängt und auf etwas hingewiesen, das nur schwer zu versprachlichen ist und das nennt dann Dieter Henrich das Ganze.
Hier merken Sie, dass D.Henrich mit dem Wort „Ganzen“ etwas anspricht, dass sich metaphysisch anfühlt. Wir wollen jetzt hier nicht Henrichs Philosophie betrachten, dann hätten wir ja das Thema für heute verfehlt, aber ich will ihr Gefühl, dass D.Henrich hier Metaphysisches anklingen lässt, bestätigen.
In seinem Buch „Fluchtlinien“ ist zu lesen: „dass es kein gelungenes Leben ohne Metaphysik geben kann.“ (S.23)

(Metaphysik ist für ihn die Weise, die das Grundverhältnis allen Verstehens übersteigt)

Wie waren wir auf dieses “Ganze“ gestoßen?  - Wir haben festgestellt, dass wir, wenn wir uns mit uns selbst, nach den „Inhalten“ unseres Selbst fragen, auf Unbenennbares stoßen, das unsere Sprache nicht fassen kann.
Jetzt haben wir schon zwei Felder, auf denen unsere Sprache, anders formuliert, unsere Vernunft an ihre Grenzen stößt: bei den Aussagen über Gott und über die Aussagen über unser Selbst! Sollte sich da ein Zusammenhang andeuten?
Bleiben wir jetzt aber nur bei unserem Thema, bei der Frage nach dem „Gottesbild, das betrifft“ und nehmen den Faden wieder auf von der unheimlichen Schwebe zwischen Ja und Nein als den wahren und einzigen festen Punkt unseres Erkennens, von dem Karl Rahner sprach, also dem Zusammenhang der affirmativen und negativen Theologie.

Wie ist dieser Weg dann zu gehen?  Entsteht so eine neue Vorstellung von Gott in mir?
Trägt mich dann dieses Bild kognitiv wie emotional? Kann ich mit diesem Bild im Alltag bewusst leben, oder muss ich dieses auch im Alltag abspalten wie vielleicht mein kindlich, naives Bild von Gott?
Welche Schritte durchlaufe ich ganz allein in mir? Ich betone es noch einmal, weil es an dieser Stelle um eine tiefe Ehrlichkeit vor sich selber geht! Wir wollen ja nicht nachplappern und uns auf der heutigen Oberflächlichkeit ausruhen.

Im ersten Schritt muss ich mir zunächst bewusst machen, dass die Sprache der Bibel eine allegorische Sprache ist. Die Bibel spricht in Bildern und Gleichnissen von der Wirkweise Gottes in unserer Welt! Es kann nur eine bildhafte und gleichnishafte Sprache sein, weil wir mit unserer Sprache keine andere Möglichkeit besitzen, über das zu reden, was unbenennbar, nämlich Gott, ist. Die Sprache reicht nur aus, uns über Tatsachen zu verständigen, die sinnlicher Natur sind, also unsere fünf Sinne betreffen.
Die Sprache der Bibel verführt uns daher zwangsläufig zunächst unbewusst, sehr anthropo-logisch von Gott zu reden. Wir vermenschlichen ihn und so entstehen unterschiedliche Gottesbilder, je nach Bewusstseinsgrad des Denkenden.
Also ich muss diese Bilder auflösen, um mich - und anders wird es nicht gehen -, diesem unerkennbaren Gott zu nähern und immer weiter zu nähern. Wie hat Dietrich Bonhöfer, um ihn noch einmal zu zitieren, gesagt, der sicherlich genau diesen Gedankenprozess durchlaufen hat:
 „Einen Gott, den es gibt, gibt es nicht.“

Das heißt ja wohl, dass Bonhöfer verstanden hat, dass uns die Sprache nur ein vermensch-lichtes Gottesbild liefern kann, dass wir daher gezwungen sind, immer und immer wieder, diese in mir sich sinnlich bildende Vorstellung eines Gottes aufzulösen.
Damit beschreibe ich den Weg der Vernunft, wie ihn auch die Neuplatoniker wie Plotin und Proklos, um nur die beiden zu nennen, gegangen sind, um in der reinen Vernunft von Gott berührt werden zu können.
Also wir haben es jetzt mit einem dialektischen Prozess von affirmativer und negativer Theologie zu tun. Und dieser Prozess läuft in jedem Menschen ab, so er sich dieser Problemlage bewusst wird.

Wittgenstein hat das schön in einem Bild ausgedrückt:

 „Meine Sätze erläutern dadurch, dass sie der, welcher mich versteht, am Ende als unsinnig erkennt, wenn er durch sie – auf ihnen -, über sie hinausgestiegen ist. (Er muß sozusagen die Leiter wegwerfen, nachdem er auf ihr hinaufgestiegen ist.) Er muss die Sätze überwinden, dann sieht er die Welt richtig.
Wovon man nicht sprechen kann, darüber muss man schweigen.“

Also: bleibt man in der negativen Theologie verhaftet, dann läuft es zwangsläufig auf das Schweigen hinaus. Daher benötigen wir ja die affirmative, die bejahende Theologie, um in dem Bewusstsein des nicht Benennen – Könnens weiter über Gott reden zu dürfen, aber immer im Bewusstsein des dialektischen Prozesses, der in mir abläuft bzw. in mir ablaufen muss, so ich um ein für mich lebbares, mich tragendes Gottesverständnis ringe.

Sie merken spätestens jetzt, dass ich ihnen kein Gottesbild anbieten kann, sondern dass ich sie die ganze Zeit animiere, über sich selber in ihrer Beziehung zu Gott nachzudenken.
Und da haben sie wieder die Verknüpfung von Gottesbild und Selbst.

Hat Meister Eckhart diesen Prozess in jedem von uns gemeint, als er so von der Seele sprach:

„Die Meister sagen, die Seele habe zwei Antlitze: das obere Antlitz schaut allzeit Gott, und das niedere Antlitz sieht etwas nach unten und lenkt die Sinne“ (Predigt 26)

Ich glaube schon, dass er diesen Prozess in jedem Menschen meint. Mit seiner Sprache, in der er auch versucht, neuplatonisches Wissen zu vermitteln, zeigt er das Ringen an, dass der Mensch gehen muss, um in der reinen Vernunft, im oberen Antlitz der Seele, Gott zu berühren oder von ihm berührt zu werden. Aber dazu müssen wir aus dem unteren Teil der Seele, der für die Sinne da ist, aufsteigen, die Dinge hinter uns lassen. Die Neuplatoniker sprechen vom Sehen in der reinen Vernunft. –Verstehen sie jetzt Wittgensteins Bild der Leiter aus dem obigen Zitat? –Sicher! –

Und das Aufsteigen ist eine gängige Metapher der Neuplatoniker. Ich zitiere ihnen hier einmal Dionysios:

„Denn je mehr wir zum Höheren hinstreben, umso mehr ersterben uns die Worte unter der zusammenfassenden Schau des nur geistig Fassbaren. So werden wir auch jetzt, da wir in das Dunkel eintauchen, welches höher ist als unsere Vernunft, nicht nur in Wortkargheit, sondern in völlige Wortlosigkeit und in Nichtwissen verfallen.“.......
„Wir wollen dem Geheimnis, das zu hoch für uns ist, durch Schweigen die Ehre lassen.“
(in: Beate Suchla, Dionysios Areopagita S.117)

Oder bei Meister Eckhart ist zu lesen:
„Wir können über Gott nichts im eigentlichen Sinne aussagen. Was wir über ihn aussagen, das müssen wir stammeln.“ (Pred. 36A)

Drehen wir uns im Kreis?  - Ja und Nein. -
Ich hoffe, es wird deutlich, wie sich diese Suche nach dem „Gottesbild, das betrifft“, vollzieht und nur vollziehen kann: es muss jeder für sich, individuell passend, die allegorische Sprache der Bibel auflösen, damit sich in ihm ein lebendiger, ihn im Prozess tragende Vorstellung des Unbenennbaren entsteht, das er diese Vorstellung immer wieder auflösen muss und dennoch in diesem Prozess das Gefühl bekommt, auf dem rechten Weg zu sein: auf dem Weg der Annäherung zu Gott, so dass wir vielleicht das Glück haben, in diesem Ringen der Vernunft, von Gott berührt zu werden.
Aber warum, um Gottes Willen, können wir kein kindliches, anthropomorphes Gottesbild haben und behalten?
Eine richtige und berechtigte Frage? Wer will, darf es doch haben und behalten.

Wer aber mit der Spaltung von Vernunft und Glauben nicht mehr bewusst leben kann, wer merkt, dass ihn sein Glaube so nicht mehr trägt, der kann nur diesen schwierigen Weg gehen.
Dann findet er in Meister Eckhart oder in Cusanus Weggefährten, die jeder zu seiner Zeit, genau diesen Weg gegangen sind: sie versuchten mit der Philosophie den Glauben zu begründen und zu stärken.

Heute, in der Zeit, wo die Halbwertzeit unseres Wissens rapide abnimmt, wo sich Fragestellungen auftun, die wohl nicht so schnell zu beantworten sind, - denken sie an die Fragen der Astrophysik, denken sie an die Hirnforschung, denken sie an die Fragen der globalen Zukunft -, dann merken sie, dass wir heute bewusst mit einem naiven Gottesbild  nicht mehr leben können, wollen wir den Glauben nicht aus unserem Alltag ausklammern. Wer aber diese gerade angedeuteten Fragen vor dem Hintergrund seines Gottesbildes aushalten will, der, ja ich wiederhole mich, der muss diesen Weg der Vernunft gehen.

Danke.

Ich freue mich jetzt auf eine anregende Diskussion.

(Gehalten am 27.10.2011 in der Kath. Hochschulgemeinde Wuppertal)

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