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Die psychodramatische Grundhaltung in unserer Zeit
– Eine unverzichtbare Haltung gegen den Zeitgeist –

Ich werde mit Ihnen dieses Vortragsthema in drei Schritten behandeln.
Zunächst werde ich skizzenhaft unsere Zeit, in der wir heute leben, beschreiben, dann werde ich Morenos zentralen Gedanken benennen, den er aus seiner Zeit heraus entwickelt hat, und schließlich stelle ich die Frage nach dem Transfer dieses Gedankens in unsere Zeit und nach der heutigen Gültigkeit.
Wir werden dann am Schluss sehen, dass die psychodramatische Grundhaltung, wie sie aus Morenos Schriften hervorgeht, eine von vielen möglichen dringenden Antworten auf den heutigen Zeitgeist ist. – Und das ist natürlich meine subjektive Meinung, die ich gern in der anschließenden Diskussion zur Disposition stelle.

Beginnen wir mit der Beschreibung unserer Zeit:
In welcher Zeit leben wir? Welcher Zeitgeist beherrscht uns in der westlichen Welt? – Wir leben in der Zeit der Globalisierung und der Zeitgeist der westlichen Welt ist bestimmt von der naturwissenschaftlich-biologistischen Sichtweise auf das Leben.
Was heißt das? Als Erstes springt uns bei der Globalisierung das Phänomen entgegen, dass Zeit und Raum für den Menschen aufgelöst worden ist, dass jeder an jedem Ort und zu jeder Zeit erreichbar ist oder erreichbar zu sein hat. Raum und Zeitverschiebungen spielen keine Rolle mehr, die Gleichzeitigkeit scheint zu dominieren.

Wir leben zweitens in der Zeit, in der wir vor lauter Information nichts mehr aufnehmen können. Die Informationsflut und die dazu gehörige Technik machen uns zu Sklaven des Augenblicks, den wir nicht verpassen dürfen, um nicht „abgehängt“ zu werden.

Wir leben drittens, und jetzt komme ich zum Thema Zeitgeist, in einer biologistischen, naturwissenschaftlich geprägten Zeit, wo fatalerweise das Individuum schleichend entindividualisiert wird, da nur naturwissenschaftliche Erklärungen des Menschseins gelten, so dass Fragen nach dem Warum und Wozu, also teleologische Fragen, als falsche Fragestellungen von den Naturwissenschaften abqualifiziert werden.
Diese Zeitbeschreibung und ihre Phänomene ließen sich noch beliebig ergänzen, wenn man u.a. noch den Aspekt des Raubbaus der Natur im Rausch der Globalisierung hinzuziehen würde.
Ich will es aber mit den drei Aspekten bewenden lassen und diese ein wenig vertiefen.

Beginnen wir mit der Auflösung von Raum und Zeit in der Dynamik der Globalisierung. Wenn wir ein Beispiel haben wollen, was es heißt, dass die Soziologie von Beschleunigung der Zeit redet, dann ist es dieses. Was bedeutet es für den Menschen, wenn er immer und überall verfügbar sein muss? Er kommt nicht zur Ruhe, er ist nicht mehr in der Lage, auch wegen der Informationsflut, langfristig abzuwägen, eine Nachhaltigkeit der Entscheidung zu sichern, weil Konkurrenz überall lauert, wenn man z.B. das Berufsleben in der Industrie betrachtet.
Unsere ihnen bekannten, von Menschenhand verursachten Umweltkatastrophen der letzten Zeit sprechen da für sich.
Das angesprochene Phänom der immer schneller werdenden Beschleunigung bringt für den Menschen des Weiteren das Phänomen mit sich, dass er trotz immer größerer Arbeitserleichterung immer weniger Zeit hat. Die erlebte Zeit rast und dann nimmt es nicht wunder, wenn man Bücher kaufen kann, wo die Depression der Gesellschaft in der Gegenwart beschrieben wird.
Entschleunigung darf man sich nur erlauben, um anschließend ein noch höheres Tempo, eine noch höhere Effektivität nachweisen zu können.
Ein Zirkel, der in Depression und burn-out enden kann. Und die Sehnsucht der Menschen nach der guten alten Zeit wird immer größer, nach einer Zeit, die es nie gab, sondern sie war und ist immer nur ein romantischer Traum als Flucht aus der uns erdrückenden Realität.
Ist es neu, was ich hier umschreibe?
Nein! –Lassen Sie sich Goethes Worte auf der Zunge zergehen:
„Rings um uns scheint die Luft erfüllt von dem fast hörbaren Brausen einer gewaltigen in unglaublicher Geschwindigkeit die Erde umrundenden Woge des Geschwätzes.“
(Manfred Osten, Alles veloziferisch, Goethes Entdeckung der Langsamkeit, S.84)

Nur: bis heute ist diese Dynamik gewachsen und gewachsen!!

Betrachten wir den nächsten Aspekt: den der Informationsflut. Ich erwähnte schon, dass der paradoxe Effekt bei der uns überflutenden Informationswelle auftritt, dass wir nämlich schließlich nichts mehr wissen. Nehmen wir noch die Halbwertzeit wissenschaftlicher Forschungsergebnisse hinzu, die in den letzten Jahren erheblich gesunken ist, dann scheint im jeweiligen Augenblick das Nicht – Wissen – Können größer zu sein als das Wissen!!
Nimmt es dann Wunder, dass Ulrich Beck in seinem Buch „Weltrisikogesellschaft“ feststellt, dass genau in diesem Nicht – Wissen Entscheidungskonsequenzen übersehen werden müssen, was zu fatalen Folgen führen kann.
Ich will noch einen weiteren intrapsychischen Effekt bei der Reizüberflutung hinzufügen, denn nichts anderes stellt die Informationsflut für den Einzelnen dar.
Selbst Neurowissenschaftler – entschuldigen Sie hier den ironischen Unterton – gehen davon aus, dass Erinnern ein kreativer Akt des Gedächtnisses ist. Und dieser Akt des Erinnerns braucht Zeit, mehr Zeit als uns unsere Zeit erlaubt!!
Welche Konsequenz hat das? Unser Gedächtnis fällt mehr und mehr aus! Die Zeit, die das Gehirn braucht, um die Information vom Kurzzeitspeicher in den Langzeitspeicher zu übertragen, wird nicht mehr bereitgestellt. Eine mail jagt die andere, ein Ereignis folgt in rasender Zeit dem anderen, und schließlich fällt der Langzeitspeicher mehr und mehr aus. Manfred Osten schreibt dann das Buch über „Das geraubte Gedächtnis“ mit dem Untertitel die „Zerstörung der Erinnerungskultur“.  Und Nicholas Carr schreibt das Buch: „Wer bin ich, wenn ich online bin“ – mit dem Untertitel „Wie das Internet unser Denken verändert –.
Er spricht vom oberflächlichem Denken, dass wir keine Zeit mehr haben oder uns nehmen, „tiefes Denken“ anzustreben, was so viel bedeutet, sich auch aus dem Langzeitspeicher Informationen zurückzurufen, um zu einem nachhaltigen Urteil kommen zu können.
Als Folge für die Gesellschaft spricht dann Helmut Rosa von einer erlebnisarmen Gesellschaft, der es durch die Oberflächlichkeit an der Tiefe der Erfahrung mangelt. Selbst Insider der Software-Branche werden äußerst nachdenklich: So sorgt sich Jaron Lanier in seinem Buch „Warum die Zukunft uns noch braucht“ um unser Menschsein, das er in Gefahr sieht:
„Wir verstehen das menschliche Gehirn nicht ausreichend, um Phänomene wie Bildung oder Freundschaft erfassen zu können. Wenn wir daher Computermodelle von Dingen wie Lernen oder Freundschaft in einer Weise erstellen, die Auswirkungen auf das reale Leben haben, verlassen wir uns auf bloße Vermutungen. Und wenn wir den Menschen veranlassen, nach unseren Modellen zu leben, reduzieren wir möglicherweise ihr Leben. Wie können wir jemals erfahren, was wir dadurch verlieren?“ (S.98)
An anderer Stelle spricht er im selben Zusammenhang von einem dunklen Zeitalter, in dem alles Menschliche entwertet wird. (S.113) 

Kommen wir zum oben erwähnten dritten Aspekt der Entindividualisierung.
Diskutieren wir zunächst nicht, wie das Individuum heute definiert oder verstanden wird. Wir kommen noch darauf zurück, wenn wir uns im zweiten Abschnitt meines Vortrages mit Morenos Grundgedanken und der psychodramatische Grundhaltung befassen.

Was heißt also Entindividualisierung? Auch hier will ich nur zwei Aspekte nennen:
a) welche Folgen die Überforderung durch die Dynamik unserer Zeit auf das Individuum hat und b) welche Reduktion des Menschenbildes sich einstellt, wenn der Biologismus unserer Zeit, um eine Spielart der Naturwissenschaft zu nennen, wenn also naturwissenschaftliche Einzelwissenschaften aus ihren unverbundenen Einzelergebnissen heraus Aussagen über das Menschsein an sich machen.
Nun zu a):
Das Individuum ist gesellschaftlich heute mit den Anforderungen, die an ihn gestellt werden, überfordert. Die Aufklärung zum mündigen Bürger ist zwar seit Kant formuliert, aber die Umsetzung lies in der gesellschaftlichen Struktur auf sich warten. Der Mensch hatte sich zu sehr an die Bevormundung gesellschaftlicher Institutionen gewöhnt. Diese Bevormundung hatte Druck vom Individuum genommen, es fühlte sich weniger verantwortlich. Erst in unserer Zeit, mit dem Verfall der Autorität der gesellschaftlichen Institutionen wie Kirche, Schule und Staat in seiner politischen Ausübung, wird das Individuum mit seiner ganzen Verantwortung konfrontiert. Es kann sich jetzt nicht mehr auf diese Institutionen beziehen. Die Befreiung von der institutionellen Bevormundung  scheint für die Mehrheit in der Gesellschaft nicht aushaltbar zu sein. Befreit von der Bevormundung sieht er sich plötzlich z.B. vor Handlungsmöglichkeiten und Entscheidungsnotwendigkeiten gestellt, so dass er in Entscheidungsnot gerät. Oder er wird in moralische Entscheidungssituationen gestellt, denen er nicht gewachsen ist.
Was macht dann der Mensch? Er taucht zum Schutz  im anonymen „Man“ unter oder er sucht die Anonymität heutiger Kommunikationssysteme und versucht dort, seine vermeintliche Individualität auszuleben. Dabei merkt er aber oftmals nicht, dass er sich den Gesetzen dieser Strukturen und Normen unterzuordnen hat, so dass auch hier im vermeintlichen Schutz der Anonymität seine Individualität außen vor bleibt. Einige Autoren sprechen in diesem Kontext lediglich von einer „Schwarmintelligenz“ in diesen Kommunikationsnetzen, die deutlich niedriger ist als die individuelle Intelligenz. Dieser Schwarmintelligenz habe ich mich anzupassen, um Kommunikationspartner bleiben zu können.
Der französische Soziologe Alain Ehrenberg sieht in diesen individuellen Überforderungssituationen einen Grund für die Depression der Gesellschaft der Gegenwart. Die Befreiung des Individuums aus institutionellen Bindungen und der Wegfall haltgebender Traditionen haben die Erwartung einer eigenverantwortlichen Selbstverwirklichung ins Gegenteil verkehrt: in die Depression. Diese wird von ihm verstanden als das Offenbarwerden der individuellen Unzulänglichkeit und nicht der individuellen Schuld im analytischen Sinne.
Soviel zum ersten Aspekt. Das Individuum sollte also mehr über die Grenzen seiner Möglichkeiten nachdenken.
Nun zum zweiten Aspekt:
Was bedeutet es, dass heute der naturwissenschaftliche Zugriff auf die Erklärbarkeit des Menschseins so dominant ist?
Das heißt doch wohl, dass alles, was naturwissenschaftlich nicht erfassbar ist, wie oben die bereits erwähnte Freundschaft oder das Lernen als Kulturleistung, ausgeklammert wird. Generell kann gesagt werden, dass die Aspekte, die die Geisteswissenschaften zur Beschreibung des Menschseins hinzufügen könnten, nicht akzeptiert werden. Dazu gehören, wie eingangs bereits erwähnt, teleologische Fragen nach Warum und Wozu, aber auch kulturelle Fragen an Kunst und Musik, Fragen an Philosophie und Soziologie, die sich der Mensch in der Auseinandersetzung mit seiner Selbstbeschreibung stellt. Immerhin ist der Mensch ja ein Wesen, das nur in der Kultur, die er geschaffen hat, überlebensfähig ist. – Darüber handelt der Mensch intentional aus einem freien Willen heraus. Sowohl der freie Wille ist naturwissenschaftlich nicht nachweisbar laut neurowissenschaftlicher Erkenntnis, noch kann Intentionalität nur durch kausale, operationalisierbare Strukturen beschrieben werden. Die Philosophin Brigitte Falkenberg spricht in diesem Zusammenhang gar von dem Versuch, dass die Naturwissenschaften den Menschen entanthropomorphisiert, auf Deutsch: entmenschlicht! Der Mensch ist eben kein kausal deterministisches Wesen, wie es die Naturwissenschaft für ihre Untersuchungsmethoden braucht!
Fassen wir jetzt die erste Hälfte des Vortrages in wenigen Sätzen zusammen: Wir leben in einer Zeit, wo sich offensichtlich schleichend grundlegende Veränderungen für unser Leben ereignen. Wir sind aufgefordert uns zu fragen, ob wir diese Veränderungen wollen und ob wir die Konsequenzen hinlänglich bedacht haben und ob wir sie auch über Generationen hinweg verantwortlich tragen wollen und können? Schlagwort: Globalisierung und ihre Folgen. – Es wird immer notwendiger, eine bewusste Lebensführung anzustreben, die sicherlich nicht einfach ist!!
Vielleicht sollten wir uns aus unserer Profession heraus fragen, ob das heute reduzierte, biologistisch gefärbte Menschenbild eigentlich stimmt? Ist das Objekt „Mensch“ in den Naturwissenschaften wirklich der Mensch des Alltags? Ist der Mensch nicht wirklich mehr als die Summe seiner Einzelfähigkeiten? Haben wir es nicht bei der Betrachtung des Menschseins mit einer Komplexität zu tun, die niemals vollständig erfasst werden kann?

Mit diesen Fragen beginnt der zweite Hauptteil meines Vortrages, der nach der psychodramatischen Grundhaltung fragt. Hier kann uns Morenos therapeutische Philosophie eine Antwort geben. 
Beginnen wir mit einem Zitat von Moreno:

„Ein wirklich therapeutisches Verfahren darf nichts weniger zum Subjekt haben als die gesamte Menschheit. Es kann jedoch kein wirksames Heilmittel verschrieben werden, solange die Menschheit nicht als Einheit betrachtet wird und ihr innerer Aufbau nicht bekannt ist.“
(Moreno, Soziometrie, 3. Aufl. 1974, S.3)

Beim ersten Lesen mag diese Aussage Morenos direkt am Anfang seines Buches „Who shall survive?“ auf uns wirken, als sei Moreno von einer gewissen Gigamanie besessen gewesen. Er, als Heiler, hatte sich sicherlich nicht mit niedrigen Zielen zufrieden gegeben.
Bei zweiter Betrachtung des Zitates im Kontext unserer Betrachtung des Zeitgeistes und der Globalisierung erhält es aber eine Aktualität, die fast erschreckend ist! Wie wahr ist gerade heute der Satz, dass die Menschheit als Einheit betrachtet werden muss. Wenn das geschähe, müssten manche Exesse auf wirtschaftlichem Gebiet wie auf dem Gebiet der Forschung nicht beschrieben werden. 
Wir wollen uns aus Morenos therapeutischer Philosophie nur mit zwei Fragestellungen beschäftigen: Wie sieht Moreno den Menschen? Welche Haltung kann aus diesem Menschenbild gefolgert werden? Und am Schluss meines Vortrages stellt sich die Frage, welche Konsequenzen dieses Menschenbild für die Fragestellungen im Zusammenhang mit dem ersten Teil des Vortrages hat?

Aber vorher noch wenige Sätze zur Zeit Morenos um die Jahrhundertwende in Wien:
es war die Zeit der Decadence, des fin des siècle.  Nach dem Zerfall der österreichischen Monarchie zerfiel die alte hierarchische Gesellschaftsordnung, und in der Massengesellschaft bestand die Gefahr, dass der Einzelne verloren ging. Man sucht vergeblich Halt in alten, sich auflösenden Strukturen und so bildeten sich neue Formen der Lebensgemeinschaften, erste Kommunen entstanden und Moreno entwickelt den Gedanken der therapeutischen Gemeinschaft.
Aus philosophischem Blickwinkel betrachtet ist die Zeit auch eine „bunte Mischung“: z.B. Sören Kierkegaard wird übersetzt und in den Cafes neben dem kommunistischen Manifest gelesen und diskutiert. Trotzki wohnte bei der Familie Adler. Das positivistische Denken hat in der Wissenschaft die Vorrangstellung errungen.
Jugendstil, Impressionismus, Surrealismus und Dadaismus u.a. sind viele Spielarten, die die Stile in der Kunst prägen.
Kurz: es war die Zeit es Suchens und des Neudefinierens. Eine spannende Zeit!!

Dass sich in dieser Zeit Moreno fragte, wie die Gesellschaft in ihrer inneren Struktur funktioniert, wie die gesellschaftlichen Dynamiken zu messen und zu beschreiben sind, nimmt vor diesem Hintergrund dieser gesellschaftlichen Verwerfungen nicht wunder.
Wie gesagt, das positivistische Denken in der Wissenschaft hatte Oberhand gewonnen. Das Messen und Wiegen aller beobachtbarer Phänomene war angesagt. Und so fragte sich Moreno, wie die Dynamik der Gesellschaft, also die Kräfte gemessen werden konnten. Ergebnis seiner Überlegungen ist seine Soziometrie, in der er beschreibt, dass es die Kräfte der Anziehung und Abstoßung sind, mit der die Dynamik der Gesellschaft umschrieben und schließlich auch gemessen werden kann.
Und die kleinste Einheit ist der Mensch. Diesen definiert Moreno, sicherlich angeregt durch Philosophen wie Buber oder Kierkegaard aber auch durch Soziologen wie Simmel und Scheler, wie folgt:

„Die kleinste lebensfähige, nicht weiter teilbare soziale Einheit ist das soziale Atom.“ (S.25)

Was heißt das? Moreno sieht das Individuum als soziales Atom. Dieses soziale Atom ist nicht teilbar, was ja schon das Wort Individuum sagt. Er kann sich den einzelnen Menschen, so wie er jetzt ist und wie er sich weiter entwickeln wird, nur als soziales Atom vorstellen. Wir sind für Moreno existentiell auf die anderen angewiesen. Meine Gefühle lassen sich nur in Beziehung zum anderen verstehen. Die gelebten Beziehungen, die in den Gefühls- und Gedankenströmen ihren Niederschlag finden, sind untrennbar im Einzelnen gebunden. Der Mensch ist ein Wesen, das existentiell auf Beziehungen angelegt ist!
Moreno geht mit dieser Vorstellung des sozialen Atoms über Bubers „Du“ hinaus.
Sie wissen ja: Buber sagte:

„Es gibt kein Ich an sich, sondern nur das Ich des Grundworts Ich – Du....“ 
(Buber, 1983,S.10)

Und Moreno weiß um die Probleme, wie das soziale Atom zu erfassen ist. Die Gefühls- und Gedankenströme sind sehr schwer zu erfassen.
Er schreibt:
„Etwas anderes und schwieriger ist es jedoch, die Prozesse der gegenseitigen Anziehung und Abstoßung von Menschen zu beschreiben, jenen Gefühlsstrom, aus dem das soziale Atom und die Netzwerke offensichtlich gebildet werden. Dieser Prozess kann als Tele verstanden werden.“ (Moreno,1989, S.61)
Dabei ist Tele „die einfachste Einheit eines von einem Individuum auf ein anderes Individuum übertragenes Gefühl.“ (Moreno, 1974, S.177)

Moreno sieht den Menschen also in einer Komplexität, so dass der wissenschaftliche Zugriff, und das heißt der wissenschaftliche Zugriff im positivistischen Denken, fast unmöglich wird.
Seine Soziometrie will die Verstrickungen im wahrsten Sinne des Wortes aufzeigen, sichtbar machen. – Aber im psychodramatischen Erleben, wo die Sprache zweitrangig wird, können wir unser Gebundensein in unserem sozialen Atom spüren und ausspielen, wobei dann unsere Spontaneität unsere Rationalität nicht selten überrascht. – Welcher Psychodramatiker kennt diese Momente nicht! -
Wenn wir uns diese Gedanken- und Gefühlsströme vorstellen, die die sozialen Netze bilden, und dann schließlich konstante Strukturen darstellen, dann ist Morenos „Therapeutische Weltordnung“ keine Utopie, sondern ein konsequentes Denken! 
Wenn alles mit allem verbunden ist, dann bekommt das Eingangszitat von Moreno, dass das wirklich therapeutische Verfahren nichts weniger als die ganze Menschheit zum Objekt hat und dass die Menschheit als Einheit angesehen werden muss, eine gedanklich stringente Notwendigkeit: wenn kein Mensch aus dieser im ersten Teil des Vortrages angedeutete Dynamik aussteigen kann, dann haben diese sozialen Netzwerke keine Grenzen, denn die oben beschriebenen Kräfte wirken in ihrer Spontaneität unaufhaltsam weiter. Wir können uns nur bewusst machen, dass diese Gedanken- und Gefühlsströme immer fließen und dass wir als soziales Atom Teil dieser Dynamik sind.     
Damit haben wir aber auch schon fast die psychodramatische Grundhaltung beschrieben: Wesentlicher Bestandteil dieser Haltung ist also die tiefe Erkenntnis der existentiellen Beziehungshaftigkeit des Menschen. Das Individuum kann sich daher also eigentlich gar nicht als Ego, als Einzelner denken, sondern hat seine Abhängigkeit von seinem sozialen Netzwerk anzuerkennen und bei seinem Handeln zu bedenken!
Diese Einsicht der wechselseitigen Beeinflussung und Abhängigkeit sollte uns demütig machen, was ja laut ethymologischem Wörterbuch soviel heißt, dass wir uns als Dienende zu begreifen haben.
Wer das jetzt als moralischen Appell versteht, darf das gerne tun. Zunächst ist es aber nur eine logische Folgerung aus den beiden zitierten Aussagen Morenos.
Erst mit der Verknüpfung des ersten Teils des Vortrages, wo wir unsere Jetztzeit umschrieben haben, wird daraus ein Appell.
Und damit kommen wir zur letzten Frage nach der Gütigkeit der psychodramatischen Grundhaltung. Eigentlich ist diese Frage im Verlauf des Vortrages zu einer rhetorischen Frage geworden:
Wenn Morenos Menschenbild das egomanische, individuelle Bild heutiger Prägung ablösen könnte, dann müssten manche politischen, wie ökonomischen Entscheidungen geändert werden. Aber auch die naturwissenschaftlichen Vorgehensweisen, die Forschung am und mit dem Menschen würde eine andere Richtung nehmen! 
Man könnte aber auch paradox sagen, dass die gelebte Beziehungshaftigkeit des Menschen der richtige Egoismus ist. Dieser Egoismus rechnet den Kern des Egos in seiner existentiellen
Beziehungsnotwendigkeit mit ein und schützt das Individuum vor mannigfachen Fehlent-wicklungen. 
Es wäre dann nicht notwendig, über Entindividualisierung nachzudenken oder zu schreiben. Es gäbe ja kein reduktionistisches Menschenbild, der wissenschaftliche Zugriff auf das Objekt „Mensch“ würde aus dem Blickwinkel der Unauflösbarkeit der sozialen Atome ganz andere Vorgehensweisen notwendig machen. Z.B. müsste der jeweilige Untersucher des „Objektes“ mit eingerechnet werden. Als Folge dieser Forschung würden sich komplexere Antworten auf die gestellten Fragestellungen ergeben, die Antworten hätten auch eine Nachhaltigkeit, die dem Menschen des Alltags eher entsprächen als so manche Ergebnisse des biologistischen Reduktionismus. – Ich will nicht verkennen, dass der naturwissenschaftliche Zugriff immer eine gewisse Reduktion bedeuten muss. Da will ich nicht falsch verstanden werden. Aber ich meine, dass die so erreichten Ergebnisse der Komplexität des Menschseins, eben auf die tiefe soziale Verwobenheit, was sich ja auch aus der kulturellen notwendigen Lebensbedingung bedingt, eher Rechnung tragen.

Die psychodramatische Grundhaltung ist eine Spielart des konsequenten Denkens in Beziehungshaftigkeit.
Im Zeitalter der Beschleunigung und der Globalisierung wäre dieses Denken schon mehr ein politisches Denken, da sich der in der psychodramatischen Grundhaltung denkende Mensch den Anderen, wer es auch immer sei, immer notwendiger mitdenken muss. Es könnten dann keine einseitigen, „egoistischen“ Beschlüsse gefasst, die Ausbeutung wäre unmöglich, das monokausale Denken aufgelöst. Die Entschleunigung wäre zwangsläufig, weil Komplexität zu denken Zeit braucht. Es würden dann verantwortbarere Ergebnisse, die eine andere Nachhaltigkeit mit sich brächten, erzielt.
Denken Sie nur an die 3000 Generationen nach uns, die sich mit unserem Atommüll auseinandersetzen müssen! Müsste nicht mit aller Kraft nach einer wirklichen gefahrenfreien Lagerung des Atommülls geforscht werden, um ein konkretes Beispiel zu nennen?
Oder wie müsste mit den Energiereserven unseres Erdballs umgegangen werden, wenn die Menschheit als Einheit gedacht würde, wie Moreno am Anfang seines Buches „Who shall survive“ gefordert hatte. Dieser englischsprachige Titel bekommt plötzlich eine erschreckende Aktualität. Der Untertitel „Wege zur Neuordnung der Gesellschaft“ wird erst mit der Frage, wer überleben wird, richtig brisant!!

Und damit bin ich auch am Ende meines Vortrages, oder besser gesagt, im full-circle wieder an den Anfang des Vortrages angelangt: ich hoffe gezeigt zu haben, dass die psychodramatische Grundhaltung eine unverzichtbare Haltung gegen den Zeitgeist darstellt.

Ich danke für die Geduld und hoffe nun auf eine spannende Diskussion.

Gehalten am 28. Mai 2011

 

Literatur:
J.L. Moreno, Die Grundlagen der Soziometrie, Opladen, 1974

J.L. Moreno, Psychodrama und Soziometrie, Köln, 1989

Ulrich Beck, Weltrisikogesellschaft, Frankfurt, 2007

Martin Buber, Ich und Du, Darmstadt, 1983

Nicholas Carr, Wer bin ich, wenn ich online bin, Wie das Internet unser Denken verändert, München, 2010

Alain Ehrenberg, Das erschöpfte Selbst, Frankfurt, 2008

Jaron Lanier, Gadget, Warum die Zukunft uns noch braucht, Frankfurt, 2010

Manfred Osten, Das geraubte Gedächtnis, Digitale Systeme und die Zerstörung der Erinnerungskultur, Frankfurt, 2004
                  
Hartmut Rosa, Beschleunigung, Die Veränderungen der Zeitstruktur in der Moderne, Frankfurt, 2005

Dieter Sturma, Philosophie und Neurowissenschaft, Frankfurt, 2006

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