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Ich kann nicht mehr – Machen Druck und Angst uns kaputt?

Der mir vorgegebene Titel bedarf sicherlich einer Konkretisierung, denn pauschal kann diese Frage immer mit „Ja“ beantwortet werden:
Ja, wenn der Druck und die Angst zu groß sind, gehe ich „kaputt“.

Wenn wir jetzt die Frage stellen, welchen Druck wir meinen und woher die Angst kommt, dann wird es konkret und fassbar.
In Vorgesprächen mit Herrn Peter wurde der Wunsch geäußert, dass ich dieses Thema vor dem Hintergrund der Globalisierung, der Wirtschaftskrise und der Zukunftsangst behandeln soll. Dabei werde ich dieses Thema nicht vorrangig soziologisch behandeln, da verweise ich lieber auf kompetente Literatur, wie zum Beispiel Ulrich Beck: Was ist Globalisierung? und sein Buch „Weltrisikogesellschaft“, sondern ich werde mich philosophisch und anthropologisch dem Thema vor dem Hintergrund dieser soziologischen Verwerfungen nähern und fragen, wie wir der Zukunftsangst begegnen können, welche Wege uns bleiben, um dem Druck standhalten zu können, um nicht „kaputt“ zu gehen.

Ich will mit drei konkreten Beispielen aus der kinder- und jugendpsychiatrischen Ambulanz beginnen, um dann von diesen Beispielen ausgehend das Thema auf einem abstrakten Niveau zu betrachten.

1. Beispiel:
Eine syrische Familie kam vor Jahren zu mir. Beim Erstgespräch saß eine Mutter mit Kopftuch vor mir, daneben ein kleiner, adipöser Mann. Er sagte wenig und wirkte antriebslos auf mich. Die Mutter führte das Gespräch und auch in den folgenden Gesprächen war er fast nur schweigend anwesend. Der Hintergrund war folgender: Der Mann hatte zweimal versucht, sich selbstständig zu machen und war gescheitert und dabei war jeweils das ganze Geld draufgegangen. Das Versagen hatte zur Folge, dass es einen Rollenwechsel in der Familie gab: Nicht die Frau, die sich in der syrischen Kultur unterzuordnen hat, schwieg, sondern der Mann. Sie hatte jetzt, wie es hier heißt, die Hosen an. Er war abgewertet und hatte nichts mehr zu sagen. – Ein Schicksal vieler Einwanderer, die ihre Funktion in der Familie durch das Scheitern verloren haben, er konnte keine Perspektive mehr bieten. Paul Scheffer beschreibt in seinem Buch „Die Einwanderer – Toleranz in einer grenzenlosen Welt“ unter anderem auch solche Schicksale.

Das zweite Beispiel betrifft eine türkische Familie: Der Vater, ein starker, selbstbewusster Türke hat drei Kinder auf derselben Schule und nun hatte er das Gefühl, dass die Lehrer sein drittes Kind mobbten, weil sie diesen Jungen jeweils mit den beiden anderen verglichen und dieser dabei schlecht davonkam. – Er war als „Nesthäkchen“ verwöhnt, was der Vater zunächst nicht einsah. – Den Machtkampf, den der Vater bis ins Schulamt führte, auch die Lokalpolitiker aktivierend, verlor er und damit brach für ihn auch eine Welt zusammen. Er kam zu mehreren Gesprächen allein zu mir, um das zu verstehen. Gleichzeitig machte seine Firma Konkurs. Herr A. war vielleicht in seiner beschützenden Rolle zu weit gegangen. Er hatte die Mentalität seiner Gesprächspartner nicht richtig eingeschätzt und war somit blind in dieses Desaster hineingelaufen. Seine Angst, nun seine Familie auch nicht mehr ernähren zu können, machte ihn aber kreativ. Zunächst ging er in Belgien ein Arbeitsverhältnis ein. Der älteste Sohn wurde von ihm autorisiert, seinen kleinen Sohn weiter zu mir zu bringen und das Familiengespräch zu führen, da die Mutter wenig Deutsch konnte. In Telefonschaltungen nahm der Vater, wenn nötig, an den Gesprächen teil, indem wir eine Standleitung schalteten.

Was zeigt uns das Beispiel?
Durch die Telekommunikation werden Arbeitsplatz und Heimat über Grenzen hinweg zusammengeschaltet. Entfernungen spielen in der Zeit der Globalisierungsprozesse keine Rolle mehr.

Das dritte Beispiel ist aus unserer Klinik:
Seit 16 Monaten sind wir insolvent. Der Prozess neigt sich dem guten Ende zwar zu, aber folgende Aussagen sind ständig auf den Stationen zu hören:
 „Ja, wir haben Angst, aber Gott sei Dank haben wir noch Arbeit und bekommen noch unser Gehalt.“
Oder: „Mensch, die armen Opel-Arbeiter, wir sind noch sicher, hoffentlich sind wir bald beim neuen Träger.“
Oder: „Das ist ja schrecklich, das eine Gehalt reicht in der Familie nicht, der Vater muss noch einem zweiten Job nachgehen. Dass er bei der Belastung bei diesem Kind dann ausflippt und zugeschlagen hat, verstehe ich. Wir sehen ja hier, wie er uns auf der Station fordert.“
Und eine letzte Äußerung: „Sie haben es gut – Sie meinen mich. – Sie bekommen noch Ihre Rente. Ich weiß kaum bei meinem Gehalt, mein Kind und mich durchzubringen und das fordert jetzt ganz schön. Wie soll ich dann noch an die Altersversorgung denken?“

Man könnte noch mehrere Sätze zitieren, die Sie ja auch sicherlich alle kennen. Sie kennzeichnen ein allgemeines Klima der Verunsicherung und Zukunftsangst in dem Bewusstsein, dass heute nichts mehr sicher ist, dass alte Lebensweisheiten und -erfahrungen nicht mehr gelten und wir nicht so genau wissen, wie die Welt, in der wir leben, in der näheren und weiteren Zukunft aussieht.

Mit diesen Beispielen haben wir schon Aspekte benannt, die durch den Globalisierungsprozess hervorgerufen werden:

a) kulturelle Verwerfungen
b) Auflösung von Grenzen und Entfernungen
c) Arbeitsplatzunsicherheit und Zukunftsangst.

Ulrich Beck sieht noch folgende Aspekte, die für uns heute im Vordergrund stehen. Ich zitiere:

d.) „Die informations- und kommunikationstechnologischen Dauerrevolutionen,
e.) die universal durchgeführten Ansprüche auf Menschenrechte,  
f.) die Bilderströme der globalen Kulturindustrien,
g.) die Frage der globalen Armut,
h.) der globalen Umweltzerstörung und zuletzt
i.) die transkulturellen Konflikte am Ort.“

Es hat jetzt aber keinen Sinn, die Globalisierung nur als neoliberale Globalismusprozesse zu sehen. Ulrich Beck sieht die Globalität als ein Faktum an, dem wir uns stellen müssen, und in seinem Modell der Welt-Risiko-Gesellschaft gibt er dann Antwort auf diese neoliberalen oder auch falschen protektionistischen, nationalistischen Tendenzen, die die soeben genannten Problematiken hervorbringen.
Er sieht uns zurzeit im  Globalisierungsprozess in der Phase der Auseinandersetzung. In seiner Theorie der Welt-Risiko-Gesellschaft als offene demokratische Gesellschaftsform werden dann Risiken offen gemacht, wie zum Beispiel Gentechnik, Umweltzerstörung und die Gefahren aus der Nukleartechnik, um so die Industrie bzw. das Kapital zu zwingen, entgegen ihren neoliberalen Gepflogenheiten das Risiko zu tragen, Konsequenzen zu ziehen und somit in der Weltgesellschaft neue Modelle des Zusammenlebens zu ermöglichen und Zukunft zu haben.
Bis dahin stehen wir aber mit den oben gestellten Fragen und Ängsten allein. –
Was passiert z.B. durch die Gentechnik in der Umwelt, nachdem sie den Raum des Labors verlassen hat und nicht mehr kontrollierbar ist? Es gibt keine eindeutigen klaren Antworten auf diese Fragen. Es stehen sich Interessenlager gegenüber, es werden entsprechende Diskussionen mit entsprechenden Ergebnissen geführt, aber uns bleibt das Risiko, in das wir gestellt sind.
Eine hohe Anforderung an die Eltern, wenn die Kinder beginnen, kritische Fragen zu stellen. Die Eltern heute müssen weitaus bewusster leben, als die Eltern meiner Generation! Sie müssen gut informiert sein, um ihre Autorität zu behalten. Sie müssen sich zu den besagten Themen ein Urteil bilden, lesen, dadurch ihre Meinung untermauern oder sich erst eine Meinung bilden. Das fordert aber viel Zeit und keine „Bildungsferne“. Ist das für uns leistbar, oder muss grundsätzlich gefragt werden, ob diese Fragestellungen, verbunden mit der emotionalen ständigen Verunsicherung, eine grundsätzliche Überforderung darstellen?
Bei Rüdiger Safranski kann man in seinem Buch „Wie viel Globalisierung verträgt der Mensch?“ lesen:
„Nicht nur der Körper, auch unser Geist braucht einen Immunschutz; man darf nicht alles in sich hineinlassen, sondern nur so viel, wie man sich anverwandeln kann. Die Logik der kommunikativ vernetzten Welt aber ist gegen den kulturellen Immunschutz gerichtet. In der Informationsflut ist man verloren ohne ein wirkungsvolles Filtersystem. Man kann es sich nur verschaffen, wenn man weiß, was man will und was man braucht. Wer sich dem Kommunikationszwang nicht beugt, müsste sich von dem Ehrgeiz befreien, immer auf der Höhe der Zeit und an der Spitze der Bewegung zu sein. Nicht ans Netz gehen zu müssen, ist fast schon ein Privileg, ebenso wie die Nähe sehen können, statt fernsehen. Wir müssen wieder, sagt Nietzsche, gute Nachbarn der nächsten Dinge werden.“ (Safranski, S. 111)
Also, Weltrisikogesellschaft gegen individuelle Grenzen. Auch Ulrich Beck gesteht ein, dass eigentlich keiner d i e  Lösung des real ablaufenden, nicht mehr umkehrbaren Globalisierungsprozesses hat, dass viele unterschiedliche Wege und Theorien diskutiert werden und die Zeit läuft!
Also wir sind auf uns zurückgeworfen und wir müssen uns fragen, wie der Einzelne mit diesen Belastungen umgehen kann ohne „kaputt“ zu gehen. Es ist vielleicht sehr sinnvoll, sich an einige anthropologische Kenntnisse zu erinnern und sich dann zu fragen, wie diese in unserer Zeit Beachtung finden können.

Eine Antwort, meine ich, hat dann u.a. der Philosoph Dieter Henrich gegeben, der sagt, dass wir aufgerufen sind, ein bewusstes Leben zu führen und nicht nur sein Leben zu leben.
Aber zunächst die anthropologischen Kenntnisse: Ich will jetzt nur drei anthropologische Sätze kurz benennen, begründen und herleiten.

Der erste anthropologische Satz heißt:
Die Welt, in der der Mensch lebt, ist Kultur. –
Was heißt das? Der Mensch ist aufgrund seiner Daseinsform nicht in der Lage, in der natürlichen Welt zu leben. Er muss sich seine Welt – seine Umwelt schaffen, um zu überleben.
Helmuth Plessner spricht von dem Menschen als exzentrisches Wesen. Im Gegensatz zum Tier, das ganz aus seiner Mitte heraus lebt, steht der Mensch zu sich in Distanz aus seinem Reflexionsvermögen heraus. Das Tier in seiner Instinktivität gefangen, fehlt diese reflexive Distanz. Damit muss der Mensch sich reflektierend, erst entwerfen. Ich zitiere Plessner:
„Als exzentrisch organisiertes Wesen muss er sich zu dem, was er schon ist, erst machen. … Der Mensch lebt nur, indem er sein Leben führt.“ (Plessner, Die Stufen des Organischen und der Mensch, S. 344).
Und etwas weiter heißt es:
„Weil der Mensch durch seinen Existenztyp gezwungen ist, das Leben zu führen, welches er lebt, das heißt, zu machen, was er ist – eben weil er nur ist, wenn er vollzieht, – braucht er ein Komplement nicht-natürlicher, nicht- gewachsener Art. Darum ist er von Natur, aus Gründen seiner Existenzform künstlich.“ (S. 384)

Was heißt das auf unser Thema bezogen? Wenn Globalität heißt, dass der Mensch in neue Dimensionen von Mischkultur hineingestellt wird, dass er aufgefordert ist, sich seinen Platz in dieser Weltgesellschaft zu suchen, dann muss das den Menschen aus seinem eben beschriebenen So-Sein zutiefst verunsichern.
Je weniger bewusst also ein Mensch sein Leben führt, je weniger er sich also seiner im Plessnerschen Sinne Künstlichkeit bewusst ist, umso mehr Angst wird er entwickeln. Der Mensch erlebt sich dann als zutiefst verunsichert, er findet keinen Halt in sich und außen, weil ihm das Containing seiner Kultur fehlt. Die Kulturen, die verschmelzen, geben zunächst keinen emotional sicheren Ort, um sich sicher in seiner Lebensführung zu fühlen. Normen und Werte stehen zur Neubewertung an.
Denken wir an unser erstes Beispiel: Der Syrer baute seine Selbstständigkeit unter seinen kulturellen Vorstellungen auf und nicht nach den Gesetzen des Wettbewerbes. Seine Frau sagte: „Er wollte Kunden gewinnen, indem er mit ihnen Kaffee trank.“

Nehmen wir einen zweiten anthropologischen Satz hinzu:
Der Mensch als Mängelwesen – ein Begriff von Herder, der dann von Arnold Gehlen aufgegriffen wurde –, ist auf das Konkrete, das Sinnlich-Wahrnehmbare angewiesen.
Dieter Claessens zeigt in seiner soziologischen Studie zur Anthropologie: „Das Konkrete und das Abstrakte“ von 1980, dass der Mensch in der Konkretheit gebunden bleibt, weil diese ihm seine Emotionalität lässt, während seine Fähigkeit zu abstrahieren ihm diese emotionale Fundierung beraubt. Institutionen, die der Mensch sich schafft, sind indirekter Ersatz. Institutionen müssen zudem überschaubare Größen haben, sonst können sie das emotionale Bedürfnis des Menschen nicht erfüllen. Liest man dann bei Claessens weiter den Satz:
„Angesichts des erosionshaften Verschleißes von konservativen Reserven und der gleichzeitig spürbaren Erschlaffung synthetischer Möglichkeiten wurde das Thema des 19. Jh. bereits „die Angst“, das heißt, das existenziell beklemmende Gefühl der Furcht vor einer prinzipiellen Unfähigkeit, aus analysierter, das heißt aufgelöster Wirklichkeit noch lebendige Wirklichkeit und überzeugende Identität erhaltende und Identität schaffenden Sinn zu erschließen.“ (Claessens, 1980, S. 317)
Schon 1980 formuliert er also die Furcht, um es mit meinen Worten zu wiederholen, dass der aufgelöste bisher gelebte kulturelle Alltag
nur schwer zu ersetzen ist, um Identität zu erhalten und seinen Lebenssinn zu finden.   
Es steigt die Angst vor dem Scheitern einer von Ulrich Beck optimistisch gesehenen Weltrisikogesellschaft erheblich und man möchte Immanuel Wallerstein Recht geben, der allein aus der Dynamik des kapitalistischen Weltsystems heraus das Scheitern der Weltgemeinschaft folgert (Unsere Weltwirtschaftskrise war damals noch nicht Thema!!!)

Wenn Ulrich Beck fordert, die Welt miteinander zu gestalten, weil wir sie im Gegeneinander zerstören, dann scheint es zwingend notwendig zu sein, zum Beispiel über die globalen kommunikationstechnischen Dimensionen einer Weltgesellschaft nachzudenken. Wenn durch diese Techniken Raum und Zeit aufgelöst werden – alles ist von jedem Ort zu jeder Zeit erreichbar –, dann läuft diese Technik gegen den soeben erklärten anthropologischen Grundsatz der Konkretheit, wie ich ihn nennen möchte. Paradox wäre dann zu fordern, Globalisierung ist nur in überschaubaren, konkreten Kleinstschritten zu realisieren. Deshalb wird auch theoretisch vom lokal-globalen Nexus gesprochen. Coca Cola spricht von seiner Strategie als eine Strategie der globalen Lokalisierung. ( Beck, 2007, S.86)

Mein türkischer Vater ist aus Belgien zurückgekehrt, weil der lange Arm des Telefons ihn emotional verhungern ließ und er machte erfolgreich einen fahrbaren Imbissladen auf. Seine Standorte waren überschaubar.

Nehmen wir eine letzte anthropologische Erkenntnis hinzu:
Der Mensch ist ein zutiefst metaphysisches Wesen.
Ich will Sie mit diesem Satz nicht provozieren. Ich weiß, es ist schick, zu sagen, dass wir in einer nachmetaphysischen Zeit leben. Und dennoch, weil der Mensch in seiner Rationalität gefangen ist oder – an Kant anlehnend zu sprechen – wir unsere Sinnenwelt nicht verlassen können, wir das Ding an sich, das a priori nicht mit unserer Ratio erfassen können, gerade deshalb scheint der Mensch ein inneres Streben zu haben, an die Grenzen seiner Rationalität zu gehen.
L.Wittgenstein (1889–1951) ist ein Beispiel für dieses Streben, das herangezogen werden kann. Er hat zutiefst mit Gott gerungen, wie wir in seinen geheimen Tagebüchern nachlesen können. Ich zitiere ihn jetzt aber aus seinem Ethikvortrag von 1930:

„Es trieb mich, gegen die Grenzen der Sprache anzurennen, wie es – glaube ich – alle Menschen getrieben hat, die jeweils über Ethik oder Religion zu schreiben oder zu sprechen versucht haben. Dieses Anrennen gegen die Grenzen unseres Käfigs ist völlig und vollkommen hoffnungslos, insofern es dem Wunsch entspringt, etwas über den letzten Sinn des Lebens zu sagen, über das absolut Gute, über das absolut Wertvolle, kann die Ethik keine Wissenschaft sein. Was sie sagt, fügt unserem Wissen in keinem Sinn etwas zu. Aber sie ist ein Dokument einer Tendenz im Menschen, die hoch zu achten ich nicht umhin kann und über die ich mich um keinen Preis lustig machen möchte.“
Außerdem ist im Traktatus (6.522) zu lesen:

„Es gibt allerdings Unaussprechliches. Dies zeigt sich, es ist das Mystische.“

Kehren wir aber jetzt schnell in unseren Alltag zurück! Vielleicht darf ich einmal aus meinem beruflichen Alltag kurz erwähnen, dass es interessant ist zu fragen, ob mein Gegenüber eine überwertige Idee hat. So nenne ich Ideen, die uns über den Alltag hinaus tragen, also Ideen, die für den Einzelnen sinnstiftend sind. Gesprächspartner, ich sage bewusst nicht Patienten, die in der Krise sind oder wieder vor schier unlösbaren Aufgaben stehen, sind immer dankbar, so gefragt worden zu sein, weil sie sich bewusst machen, welchen Wert ihr vielleicht brachliegender Glaube hat, oder weil sie sich bewusst Antwort geben müssen auf die nun gestellte Frage: „Warum will ich nicht glauben?“, oder einfach weil sie aufgefordert sind, ihrem Leben einen Sinn zu geben, sich diesen bewusst zu machen, ein bewusstes Leben zu führen!

Im Kontext unseres Themas „Ich kann nicht mehr – machen Druck und Angst mich kaputt“ ist diese Frage nach einer überwertigen Idee sehr sinnvoll. Überwertige Ideen sind aber nicht nur religiöse Ideen. Es sind alle Ideen, die einen Menschen über den Alltag hinaus tragen können, wie ich es bereits sagte: Beispielsweise für jemanden zu leben. Für eine Forschung zu leben, geradezu ergriffen zu sein von einer konkreten Idee. Es können Ideen aus evolutionären Kontexten sein. Es sind Ideen, die dem einzelnen Sinn geben.

Kommen wir dann wieder auf unsere Globalität, unsere Globalisierungsprozesse zurück und verbinden unseren vorherigen anthropologischen Satz von der Konkretheit damit, so scheint es notwendig zu sein, in seiner erlebbaren, in seiner emotional erfahrenen Kultur zu bleiben, die ohnehin sich ereignenden Umbrüche bewusst wahrzunehmen und zu verarbeiten, um sich nicht selber von sich zu entfremden. Wie hat Safranski gesagt, ich zitiere ihn noch einmal:
„Nicht nur der Körper, auch unser Geist braucht einen Immunschutz.“
Und dann scheint nur die Toleranz – diese offensichtlich noch nicht genug ausgebildete menschliche Tugend – es möglich zu machen, in einer Weltgemeinschaft nicht aufeinander zuzugehen und uns zu vernichten.
Die Vergangenheit lehrt uns, was Intoleranz bedeutet hat und wie viel Leid bisher daraus entstand. Es scheint keinen Sinn zu machen, sich fremden, von mir emotional nicht wirklich erlebbaren Kulturen hinzugeben und somit seine eigene Identität aufzugeben, die ihre Wurzeln ja in meinem Kulturkreis hat, in den ich hineingeboren worden bin, der mich geprägt hat. Es scheint sinnvoller zu sein, sich in Toleranz zu üben.

Machen wir eine kurze Zwischenbilanz des bisher Gesagten:
Wir leben in einer Zeit des Umbruchs, die Globalisierung ist nicht mehr abzuwenden, die Beschleunigung ist nicht aufzuhalten, Entschleunigung findet nur durch Arbeitslosigkeit oder Krankheit statt.
Katastrophen finden nicht mehr irgendwo statt und gehen uns nichts an. Katastrophen wie Seuchen und Finanzkrisen sind sofort global und daher sind wir als Weltbürger immer sofort betroffen. Diese Unberechenbarkeit der räumlichen wie zeitlichen Dimension – einerseits das Schwinden der Räume, andererseits die Unüberschaubarkeit derselben – machen ein permanent hohes Niveau des Nicht-Wissen-Könnens aus, auf das wir mit Angst reagieren. Es nutzt nichts, diese zu leugnen oder zu verdrängen. Jeden Tag begegnet sie uns, so wir die Augen aufmachen, denn die Globalisierung findet vor unserer Tür statt!
Wir müssen uns den Fragen, für die bisher noch keiner eine überzeugende Antwort hat, dennoch stellen, denn die drei beispielhaft angeführten anthroposophischen Grundtatsachen haben uns bewusst gemacht, dass wir gegen uns selber arbeiten, wenn wir jetzt nicht wach werden, denn dann ist mit Sicherheit die Frage, macht Druck und Angst uns kaputt, mit „Ja“ zu beantworten. Wie gehen wir also mit der Angst um, die gesellschaftlich gesehen ein anderes, höheres Niveau erreicht hat?

Ich möchte jetzt hier eine philosophische Antwort geben, die in ihrer Abstraktheit dann konkretisiert werden muss. Dieter Henrich, den ich eingangs schon erwähnte, sagt in seinem Buch: „Fluchtlinien“,

„…dass es kein gelungenes Leben gibt ohne Metaphysik, auch wenn dieses Leben sie nicht mitzuteilen versteht,“ (Henrich, Fluchtlinien, 1982, S. 23).
Was meint er damit? In seiner Subjekttheorie leitet er das bewusste Leben, das man zu führen hat, aus der Grunderkenntnis ab, dass wir uns unendlich schwer tun, uns ganz zu erfassen – ich zitiere ihn,

„dass uns in Beziehung zu uns selbst vieles dunkel ist, dass unser Ursprung uns in irgendeiner Weise entzogen ist und dass wir nicht wie aus irgendeinem Unterricht über ihn im Klaren sein können.“ (Henrich, Bewusstes Leben, S. 17)

Henrich deutet damit an, dass unser Leben daher letztendlich auf letzte Fragen aus ist,

„in denen sich ein Leben zu sammeln vermöchte“ (S. 84).

Welchen tragenden individuellen Gedanken jeder für sich auch daraus entwickeln mag, sie fußen alle auf dieser wissenden Unwissenheit unseres Menschseins. Und dieses Unergründliche des Menschen ist global! – Könnte aus diesem tiefen Verständnis heraus nicht Toleranz erwachsen?

Bei der zweiten Antwort beziehe ich mich hier wieder auf Ulrich Becks Buch, der Weltrisikogesellschaft.
Er kommt immer wieder auf das bewusst lebende Individuum, das eine andere Verantwortung übernehmen muss, zurück. Wenn er in der Weltrisikogesellschaft von der Nicht-Kalkulierbarkeit von Entwicklungsprozessen ausgeht, die als Risiken rechtzeitig im offenen demokratischen Prozess behandelt werden müssen, bevor das Risiko zur Katastrophe wird, dann gewinnt der Einzelne mehr an Gewicht. Ich zitiere:

„Es ist wichtig zu sehen, dass die Wissensorientierung nicht nur Wissenschaftler, sondern auch andere Akteure stärker in transnationale politische Prozesse einbindet. Denn das Wissen, um das es geht, ist nicht ausschließlich wissenschaftliches. Deshalb gewinnen in der Herausbildung transnationaler Regime private Akteure immer mehr Bedeutung.“ (Beck, Weltrisikogesellschaft, S. 330)
Mit diesem nicht ausschließlich wissenschaftlichen Denken ist genau das Wissen gemeint, das den Einzelnen im Alltag in sein Bewusstsein setzt. Aus dieser Bewusstheit heraus kann heute nur Erziehung erfolgen, sollen die Ängste ernst genommen, die Fragen nicht verdrängt werden. Dann geht es nicht darum, fertige Antworten zu haben, sondern offen zu machen, dass wir gemeinsam Suchende sind in einer Welt, die immer weniger für uns berechenbar ist.
So heißt dies für den Einzelnen, dass ein Alltag in einer viel größeren Ungewissheit gelebt werden muss. – Ist Gentechnik kalkulierbar oder nicht? – Greift der internationale Terrorismus in meinen Alltag ein (letzte Bundestagswahl und die Drohung der Al-Caida)? Ich zitiere nochmals Ulrich Beck:

„Nicht nur die Unkontrollierbarkeit als konkrete Erfahrung in vielen alltäglichen Lebensbereichen ist ausschlaggebend, sondern dass das Leitbild der Rationalität und Kontrolle an Glaubwürdigkeit verliert und zerfällt und dies in den praktischen Erfahrungen der Menschen aufgewiesen wird.“ …. „Im Großen wie im Kleinen, im Ehe-Alltag wie in der Weltpolitik befinden sich die Menschen auf der Suche nach der verlorenen Sicherheit.“ (S.367)
So ist durch diese Ungewissheit ein Angstniveau erreicht, das wir nur gemeinsam ertragen können.
Nur in einer offenen Kommunikation, die nichts verschweigt, ist dieses Ausmaß an Unsicherheit zu ertragen. Nicht der Einzelne allein, sondern der Einzelne, der sich in der Gemeinschaft aufgehoben fühlt, kann diesen Druck ertragen. Alleingänge, nationale wie individuelle, sind nicht die Lösung. Damit rückt wieder unsere Lebenswelt, die eine künstliche ist, wie Hellmut Plessner sagte, sie erinnern sich, aber auch jede Kultur in den Mittelpunkt.

Ein Paradoxon muss dann gelebt werden: Seine Kultur nicht verleugnend, muss ich den anderen, den Fremden mit seiner Kultur sehen, dass wir nur gemeinsam und nicht gegeneinander die Globalität lebbar machen können. Dass hier Integration gefragt ist, die sich nicht in einer Generation vollziehen kann, zeigt unsere heutige Zeit. –
Hier beginnt wieder eine Unsicherheit, der wir aber nicht ausweichen können. Wir müssen dennoch bei dieser Aufgabe erfolgreich sein.
Und da komme ich dann auf meine dritte Antwort, die wenn die ersten Antworten schon etwas idealistisch anmuteten, aber leider unausweichlich realistisch angegangen werden müssen, jetzt missverstanden werden kann als ein romantischer Rückgriff oder auch Rückzug von unserer jetzigen Zeit aus beurteilt.
In Manfred Ostens Buch, Goethes Entdeckung der Langsamkeit können wir Goethes Meinung über unsere Zeit der Moderne lesen. Ich zitiere:

„Letzten Endes wird die Utopie der totalen Beherrschung der Natur und des Menschen, wie alle bisherigen Utopien nicht an ihren Gegnern scheitern, sondern an ihren eigenen Widersprüchen und ihrem Größenwahn. Noch nie hat sich die Menschheit freiwillig von ihren Allmachtsphantasien verabschiedet.“

Nun stehen wir aber mit dem Rücken an der Wand. Die Risiken im Globalisierungsprozess sind da. Wir haben uns zu verhalten. Der Größenwahn und die Allmachtsphantasien sollten verabschiedet werden, denn es hat sich nun wirklich gezeigt, dass die Idee der totalen Beherrschung der Natur gescheitert ist. Das kann nicht mehr geleugnet werden. Was kann vielleicht noch uns Menschen helfen: Die Entschleunigung der Zeit! wie ein Kapitel im eben genannten Buch von Manfred Osten überschrieben ist. Wir müssen uns wieder mehr Zeit nehmen. Lassen Sie mich es mit Nietzsche benennen:

„Die notwendigen Korrekturen, welche man am Charakter der Menschheit vornehmen muss, sind, das beschauliche Element im großen Maße zu verstärken!“

Ein Ideal, was Nietzsche da formuliert. Aber haben wir eine Alternative?
Fangen wir in der Familie an und fragen uns, was es heißt, dieses hier beschriebene Bewusstsein in den Alltag zu nehmen.
Endloses Computerspielen und das Verharren in den Scheinwelten scheint kein geeigneter Weg für diese Fragestellungen zu sein, um provokativ meinen Vortrag zu beenden.

Ich danke Ihnen für die mir gewährte Aufmerksamkeit.

Gehalten am 10.November 2009

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