Home Page Image


Brauchen Kinder Psychotherapie?

Meine Damen und Herren,

vielen Dank für die Einladung. Als Herr Evermann mich relativ früh – Ende des Frühjahres, glaube ich – fragte, ob ich über dieses Thema: „Brauchen unsere Kinder Psychotherapie?“ sprechen wollte und ich zusagte, war mir klar: Ich werde provokativ als Therapeut sagen und auch begründen: Kinder brauchen so schnell keine Psychotherapie, höchstens brauchen Eltern Therapie. Da stehe ich als überzeugter Familientherapeut vor Ihnen. Ich musste mich also auf Ihre Frage vorbereiten, was die Kinder dann brauchen, wenn schon keine Therapie?
Ich wusste aber damals nicht, in welche Lage ich bis heute kommen sollte, denn plötzlich erscheinen Artikel über Artikel in den Zeitschriften und Zeitungen, die alle den gleichen Tenor haben: in der Zeit erscheint der Artikel: „Macht die Kinder nicht verrückt!“ In der Welt: „Macht die Kinder nicht kaputt!“ Oder der Spiegel: „Kinder der Angst“.
Der Appell in allen Ausführungen ist gleich: Eltern, schickt eure Kinder nicht so schnell zu den so genannten Experten! Traut euch selber wieder mehr zu, übt Gelassenheit und reflektiert bewusst, in welcher Zeit wir leben.

Ich zitiere jetzt aus dem Zeit-Artikel: Remo Largo, der Schweizer Kinderarzt, wird dort indirekt zitiert:
„Remo Largo hält Legasthenie und Dyskalkulie für Normvarianten von Lesen und Rechnen, die man nicht wegtherapieren kann. Die Mehrheit der hyperaktiven Kinder, sagt er, haben einen intensiven, aber ebenfalls normalen Bewegungsdrang. Was Kindern heute fehlt, sind nicht Therapien, sondern eine Welt, die ihnen gerecht wird, Beziehungen, die nicht auf Leistungen aufbauen, mit einem altmodischen, fast kitschigen Wort: Geborgenheit.“
Ich denke, dieses Zitat ist deutlich. Hyperaktive Kinder tragen die Modediagnosen: ADS, ADHS!!

Ebenfalls wird Gerald Hüther, der Hirnforscher, wiedergegeben. Ich zitiere:
„Hüther glaubt, dass man ADHS-Kinder therapieren muss, nur in aller Regel nicht mit Medikamenten. Er glaubt aber auch, dass diese Störung keine Erkrankung der Kinder ist, sondern die zwangsläufige Folge eines Lebensstils, der menschliche Bedürfnisse ständig verletzt. Das ist es, was in Gesprächen mit allen Experten, ob Therapiebefürworter oder -kritiker, auftaucht. Der Wahnsinn, den es bedeutet, unsere eigene Atemlosigkeit auf unsere Kinder zu übertragen.“
Ich mache aufmerksam, dass in seinen Ausführungen ein Widerspruch ist. Einerseits sagt er, man müsse Kinder therapieren, und andererseits sagt er, dass diese Störung keine Krankheit ist, sondern unser Zeitphänomen der Hast und Atemlosigkeit.

Der Artikel endet dann mit der Bemerkung, ich zitiere hieraus zum letzten Mal: „Irgendwie scheinen wir Erwachsene eine ziemlich simple Sache vergessen zu haben: Kinder wollen doch nur spielen. Vielleicht sollten wir sie zur Abwechslung einfach mal lassen. Und wenn es sein muss, selber zum Therapeuten gehen.“

Also, meine Damen und Herren, es ist jetzt eigentlich schon alles gesagt, zumal ich 30 Exemplare von diesem Zeit-Artikel für Sie kopiert habe, falls Sie interessiert sind.

Ich musste also jetzt überlegen, was ich Ihnen sagen kann, ohne diese Artikel zu wiederholen und Sie zu langweilen. Ich kam auf den Gedanken, es zu wagen, Sie auf zwei nicht leichte Reflexionswege mitzunehmen, um vielleicht über diese Artikel hinaus Anregungen zu geben, einmal über das eigene Menschenbild nachzudenken, um die Grenzen der Rationalität zu erkennen und daraus aber auch die Freiheit zu verspüren, dass sich jeder Mensch ja selber in Eigenverantwortlichkeit entwerfen darf, ja eigentlich nicht anders kann, denn wer sonst, als ich selber, kann mich erkennen und mich vielleicht ändern.
Dieser mehr philosophisch-erkenntnistheoretischen Reflexion folgt dann mein Versuch, Sie kritisch zu stimmen, wenn auf naturwissenschaftlicher Basis Erkenntnisse über unser Menschsein getroffen werden. Ich zeige Ihnen das anhand der Hirnforschung auf. Vielleicht hilft Ihnen ein Zitat von Bodo Strauss, diese kritische Haltung schon einzunehmen.
Er macht in seinem Buch „Die Unbeholfenen“ 2007 folgende beißende Bemerkung bezüglich der Wissenschaft:

„Da die Wissenschaft nicht denkt, und das tut sie heute sicherlich weit weniger als zu Heideggers und Heidenbergs Zeiten, suchen sich die gerade aktuellen Disziplinen so viel Gehör und Fördermittel wie möglich zu beschaffen, indem sie das Politische, Verwertbare an ihren Schlüssen, noch bevor sie tatsächlich gezogen werden dürfen, rasch unter die Leute bringen.“

Diese beiden Reflexionswege haben den Sinn, Sie zu befreien und dass Sie nicht mehr eine so große Expertengläubigkeit haben müssen, denn Sie werden sehen, dass deren Grenzen menschlicher Rationalität sich nicht von denen der Laien unterscheiden, wenn es um die wohl entscheidende Frage geht: Was ist der Mensch?
Wenn meine Ausführungen Sie dann am Schluss befreit haben, sich nicht ständig unter den Druck zu stellen, ja keine Fehler zu machen oder zu uns sogenannten Experten zu gehen, dann haben diese Zeilen ihren Sinn erfüllt.

Der erste Weg ist also ein philosophisch-erkenntnistheoretischer.
(Bitte unterbrechen Sie mich sofort, wenn ich zu elaboriert daherrede)
Also dieser Weg beginnt mit den Fragen der Aufklärung, die Kant 1784 gestellt hat: Was ist der Mensch? Was kann ich wissen? Was kann ich erwarten? Mit der Beantwortung dieser Frage wollte er den Menschen aus seiner selbst verschuldeten Unmündigkeit befreien, indem er ihm Mut machen wollte, sich seines eigenen Verstandes zu bedienen.
Auf uns heute übertragen würde das lauten: Wir brauchen, wenn wir den Mut zum selbstständigen Denken haben, keine Super-Nanny, und nicht die unzähligen Erziehungsbücher, die uns Rezepte andienen, wie Erziehung zu sein hat. Rezeptdenken und das individuelle Kind lassen sich schlecht zusammenbringen.

Begeben wir uns also auf den ersten Weg und fragen nach dem Menschenbild und den Folgerungen, die wir aus diesem Bild ziehen müssen und dürfen.

Das Menschenbild war bis zum Beginn der Moderne ein metaphysisch-ontologisches Bild. Wir waren das Ebenbild Gottes, unsere Seele hatte göttliche Anteile und so war der Mensch ausgerichtet auf die Erlösung, auf den Himmel, wo wir in die Göttlichkeit eingehen können, so wir ein gottgefälliges Leben gelebt haben.

Kant hat uns aber diese Transzendenz genommen. Mit Kant hat sich das meta-physische Menschenbild aus der Wissenschaft verabschiedet, denn er hat uns gelehrt, dass unsere rationalen Erkenntnisse nicht über die Erkenntnisse, die uns unsere Sinne liefern, hinausgelangen können. Ich zitiere aus der Kritik der reinen Vernunft:

„Da wir hier niemals Dinge an sich selbst zu unserem Gegenstande haben, so ist es nicht verwunderlich, dass wir niemals berechtigt sind, von einem Gliede der empirischen Reihen, welches es auch sei, einen Sprung außer dem Zusammenhange der Sinnlichkeit zu tun.“
Das heißt: z.B. Das Erkennen eines Stuhles hängt von meinen Sinnen ab, die mir Eindrücke vermitteln. Diese Wahrnehmung der Sinne steht immer zwischen dem Stuhl und der rationalen Erkenntnis vom Stuhl.

Somit ist der rationale Weg begrenzt auf die Erfahrungen und Erkenntnisse der Sinne. Das Ding an sich ist für uns nicht fassbar. Die menschliche Rationalität ist ein Gefangener seiner sinnlichen Wahrnehmung!

Im Laufe der wissenschaftlichen Fortentwicklung erkennt sich dann der Mensch als „Mängelwesen“, ein Begriff von Herder, den Arnold Gehlen aufgreift, indem er den Menschen entkoppelt von instinktivem Handeln denkt, der nur in der Kulturwelt, die er sich schaffen muss, überlebensfähig ist. Die naturwissenschaftlich-biologische Betrachtung stürzt den Menschen also als Krone der Schöpfung hinab zum Mängelwesen, das von der Kulturwelt abhängig wird.

Gleichzeitig, oder parallel dazu, kann der Mensch in seiner philosophischen Reflexion über sich nicht hinter Gottlieb Fichte zurück, der feststellte, dass das Ich des Menschen unerkennbar ist, dass, um einen unendlichen Regress zu verhindern, wir gezwungen sind, das „Ich“ zu setzen.
Wenn Sie sich fragen: Wer ist es in mir, der “Ich“ denkt, dann passiert es, dass Sie plötzlich in den nicht endenden Regress geraten.
Ich zitiere: „Das Ich setzt sich selbst, und es ist, vermöge dieses bloßen Setzens, durch sich selbst; und umgekehrt: ....... Es ist zugleich das Handelnde und das Produkt der Handlung (aus: Grundlagen der gesamten Wissenschaftslehre, Fichte, 1794).
Der Mensch ist also Subjekt und Objekt zugleich. Mit anderen Worten: Der Mensch ist in seinem Selbstentwurf frei, er schafft sein Bild von sich selber, weil er keine anderen Möglichkeiten hat, sozusagen von außen auf sich zu sehen, um sich zu erkennen.

Ich will Sie jetzt nicht mit weiteren philosophischen Folgetheorien quälen: Bis heute geht keine Theorie hinter diese beiden Positionen, die von Kant und die von Fichte zurück. Die materialistische Position, vertreten in den Naturwissenschaften, die den Menschen aus den physikalisch messbaren Verfahren und Ergebnissen ableiten wollen, stoßen ebenfalls an Grenzen, wie ich es später am Beispiel der Hirnforschung aufzeigen werde.

Fassen wir also nun diese skizzenhafte erkenntnistheoretische kleine Ausführung zunächst für unser Thema zusammen: Die Fragen der Aufklärung – Was ist der Mensch? Was kann ich wissen? Was kann ich erwarten? – können wir nur so beantworten:
Der Mensch weiß von sich, indem er sich handelnd selber entwirft. Was er erwarten kann, entspricht nur dem, wie er sich denkt, wie er sich, wie Fichte sagt, selbst oder wie er sich handelnd verwirklicht. Aber eigentlich bleibt sich der Mensch immer ein Rätsel, so er auf der Erkennntnisschiene bleibt. Verlässt er sie, beginnt Metaphysik, die nur vorsichtig heute vom noch lebenden Philosophen Dieter Henrich wieder thematisiert wird, indem er behauptet, dass es kein gelungenes Leben ohne Metaphysik gibt (Fluchtlinien,1982, S. 23).

Wenn wir auf uns selber zurückgeworfen sind, wir uns selber entwerfen, dann sind wir einerseits frei, aber auch eigenverantwortlich. Wir tragen für uns die eigene Verantwortung, die in ihrer Individualität zwar gesellschaftlich gebunden ist.

Aus dieser philosophischen Erkenntnis erwachsen pädagogische Erziehungskonzepte, die dem Menschenbild der jeweiligen Zeit entsprechen. Fangen wir nicht bei Rousseaus Emile an, sondern erinnern uns an unsere wilden 68-er-Zeiten, so wissen wir, dass in dieser Zeit, so notwendig sie war, um ein politisch-kritisches Bewusstsein in der Bundesrepublik zu schaffen, vielleicht im Rückblick gesprochen, das Kind mit dem Bade ausgeschüttet wurde. Alte, verstaubte Autoritäten wurden geschliffen, Normen und Tabus gebrochen, aber keine Alternativen erstellt.

Die heutigen Frage nach Falsch und Richtig in der Erziehung oder im gesellschaftlichen Handeln finden keinen Boden mehr, auf dem sie fußen und von wo sie her entwickelt und beantwortet werden können. Aber, und deshalb habe ich ja gerade diesen kurzen philosophischen Exkurs gemacht: Wir sind frei und tragen die Verantwortung für uns und die Kinder. Freiheit und Verantwortung sollten uns ein Bewusstsein für unser eigenes Leben machen, das wir bewusst führen und wo die Eltern in diesem Bewusstsein die Verantwortung für ihre Kinder tragen sollten und sie in diesem Bewusstsein mit Überzeugung erziehen.

An dieser Stelle muss dann das Wort Autorität fallen, der Hinweis, dass die elterliche Autorität durch nichts zu ersetzen ist, durch keine Institution oder Expertentum. Vergessen Sie nicht, dass im lateinischen Wort Auctoritas das Wort augere enthalten ist – was heißt: vermehren, bereichern, wachsen lassen. Die Autorität der Eltern basiert also in tiefster Erkenntnis auf dem Zeugungsakt und dem Wachsen-Lassen.
Der Wert der Autorität der Eltern, so verstanden, kann nicht hoch genug eingeschätzt, ja geradezu als entwicklungsnotwendig für das Kind angesehen werden. Wundert es uns dann, wie äußerst sensibel Kinder bei Trennungen reagieren? 
Sie sollten nicht so schnell den so genannten Experten die Aufgabe der Erziehung und Verantwortung übertragen, sondern höchstens mit deren Unterstützung ihre gemeinsame Aufgabe der Erziehung bewältigen. Dazu am Schluss meiner Ausführungen mehr.

Nun aber erst zum zweiten Weg, dem Weg der Naturwissenschaft an Hand der Hirnforschung: Zu fragen ist, ob es hier Ergebnisse geben kann, die uns für unsere Fragestellung nach Psychotherapie oder Erziehung in unserer Freiheit und Verantwortung maßgeblich beschränken können, oder uns Eltern gar in eine passive Rolle drängen, in dem Sinne, dass die Kausalität des Materialismus fast deterministisch abläuft! Aber ein Schritt nach dem anderen:

Wie beginnen wir?

Zu Beginn der Moderne begann sich die Methode der Physik, die alles durch das Experiment objektiv erfasst und durch Zahlen belegt wird und von jedermann an jedem Ort wiederholt werden kann, durchzusetzen. Die Physik war das Beispiel für exakte Wissenschaft und jede Wissenschaft, die nicht diesem Anspruch genügen konnte, wurde belächelt. Geisteswissenschaftler und Naturwissenschaftler hatten sich nicht viel zu sagen, was sich heute, Gott sei Dank, wieder ändert, denn wir haben erkannt, dass man doch voneinander lernen kann
Die philosophische Basis naturwissenschaftlichen Denkens ist der Materialismus, der versucht, Bewusstsein und Geist eben materialistisch zu erklären, das heißt, Geist und Bewusstsein auf Materie zu reduzieren. Das wäre der radikale Materialismus, aber es gibt auch weichere Spielarten dieser Denkweise. So nehmen diese Materialisten, z. B. wie Wolf Singer, ebenfalls ein Hirnforscher, an, dass der Geist als eine emergente Eigenschaft des Gehirns anzusehen ist (emergieren heißt aus niederen Stufen auftauchen).
Aber alle Spielarten haben ein Problem, eine gewisse Erklärungslücke zu schließen: Sie können nicht erklären, wie aus Materie Geist wird oder wie beim Hirn, um langsam auf unser Thema zu kommen, aus dem Feuern der Neuronen Bewusstsein wird. Diese Erklärungslücke wird so schnell nicht zu schließen sein!!
Spitzer  gibt in seinem Buch „Lernen“ zu:

„Die eigentliche Informationsverarbeitungsmaschinerie in unserem Gehirn jedoch erkennen wir nicht. Sie ist uns verborgen, und wenn wir sie erkennen wollen, bleibt nur der harte Weg wissenschaftlicher Untersuchung.“ (S. 63).

Wie wir schon in unserem philosophischen Diskurs gesehen hatten, stoßen wir jetzt auch wieder auf dasselbe Problem, dass wir uns nicht von außen betrachten können, und da sind wir auch direkt beim ersten unlösbaren Problem der Gehirnforschung:
Das Hirn erforscht das Hirn! Das Subjekt ist gleichzeitig das untersuchende Objekt. Das verstößt gegen die Versuchsanordnung in der Physik. – Also eigentlich könnte nur die Ameise unser Hirn untersuchen, weil sie von außen kommt, aber wir verstehen ja ihre Sprache nicht. – Die Hirnforscher nennen dieses Problem die „Dritte-Person-Perspektive“. Ich und Objekt, wie gesagt, sind eins.

Ein weiteres Problem ist das sogenannte Bindungsproblem. Es besagt, dass das Gehirn eine distributive Organisation ist. (Distributiv heißt: in bestimmten Umgebungen vorkommen.) Das Hirn arbeitet zeitlich nacheinander, zum Beispiel von Thalamus zur Sehrinde, aber gleichzeitig arbeiten viele Areale parallel, wenn wir zum Beispiel einen Stuhl wahrnehmen. Wie entsteht jetzt ein einheitliches Bild?
Es gibt kein Konvergenzzentrum (konvergieren – sich nähern, zusammenlaufen). Oder wie es populärwissenschaftlich benannt wurde: es gibt kein Ich, das diese Aktivitäten des Hirns steuert und uns eine klare Wahrnehmung unserer Welt ermöglicht. Wie ist das möglich?

Dieses Bindungsproblem ist die größte Herausforderung für die Hirnforschung!

Vielleicht erinnern Sie sich noch: Vor ein paar Jahren wurden Kongresse selbst unter Juristen abgehalten mit der Fragestellung, was es bedeutet, dass der Menschen, wie jetzt die Hirnforschung nachgewiesen haben will, keinen freien Willen hat und das Ich auch schwer nachweisbar ist. – Die Willensfreiheit ist eine Illusion! Und all das hat mit der Fehlinterpretation des Libetschen Experimentes von 1979 angefangen.
Ich will ihnen das Experiment jetzt nicht vorstellen und diskutieren. Aussagen, die daraus gezogen wurden, waren eine glatte Fehlinterpretation. Erinnern Sie sich noch an das eingangs beißende Strauß-Zitat. Wenn ich jetzt den Hirnforscher Gerald Roth 2009, also Jahre danach, zitiere bezüglich der Willensfreiheit, dann klingen diese Aussagen wie eine rhetorisch gut getarnte Rolle rückwärts:
„Wir waren naiv, als wir dachten der kantsche Begriff der vernünftigen Autonomie, der selbstbestimmten Vernunft sei der allgemeine Begriff von Willensfreiheit.“
Lassen wir es mit diesen Worten bezüglich der Hirnforschung als Beispiel naturwissenschaftlichen Vorgehens bei der Frage nach dem Menschenverständnis bewenden.

Ziehen wir daraus jetzt die Konsequenz: Da der Mensch mehr ist als Materie, können die Kantschen Fragen – Was ist der Mensch? Was kann er wissen? Was kann er erwarten – auf diesem Wege auch nicht beantwortet werden. Der materialistische Ansatz kann die Fragen, wie aus dem Feuern der Neuronen Bewusstsein entsteht, nicht erklären. Das Wort emergent erklärt in Wirklichkeit nichts – es bleibt Vermutungswissen.

Ziehen wir also ein Fazit:
Wollen wir heute Aussagen über uns machen, müssen wir feststellen, dass wir, wenn wir den naiven Alltagsglauben, unsere Alltagsroutine beiseite nehmen, ein Wissen über uns haben, das eigentlich sehr, sehr gering ist, ja, dass es eigentlich unendlich schwer fällt, etwas zu sagen. Schon die Vor-Sokratiker sprachen von Vermutungswissen. Es hat sich diesbezüglich nicht viel geändert! Wir müssen uns selbst setzen und dabei bleibt der Mensch sich immer ein Rätsel, will er erkenntnistheoretisch vorwärts kommen. Er gerät in unendliche Regresse, er dreht sich um sich selber.

Wie bekommen wir jetzt die Kurve zum Eingangsthema? Ganz einfach:

Wir springen aus dem Vermutungswissen in unser Alltagswissen. Ohne zu wissen, wie wir es gewinnen, haben wir Erfahrungswissen, das uns den Alltag bewältigen lässt. Erfahrungswissen ist nicht sofort Expertenwissen und Sie merken schon, worauf ich hinaus will: Das Erfahrungswissen kann nicht hoch genug eingeschätzt werden. Und plötzlich bekommen die Begriffe, wie sie in den eingangs erwähnten Artikeln benutzt werden, ein anderes Gewicht. Gelassenheit, Bauchgefühl, gesunder Menschenverstand etc.
Über den philosophischen und naturwissenschaftlichen kurzen Diskurs erhalten die Begriffe des Alltags eine enorme Aufwertung. Und wenn Sie sich dies als Eltern bewusst machen, macht es Sie stärker und selbstbewusster. Fachtermini klingen gut, scheinen aber nach dem bisher Gesagten blutleer zu sein, weil in ihnen kein Erfahrungswissen steckt. Nur die konkreten Worte, die die sinnliche Beobachtung wiedergeben – erinnern Sie sich an Kant – bringen uns Erkenntnis.

So, es wird Zeit auf die Frage einzugehen, was die Kinder brauchen, wenn schon keine Therapie. Es liegt doch jetzt auf der Hand:

  1. Sie brauchen selbstbewusste Eltern.
  2. Sie brauchen Eltern, die Normen vorgeben und vorleben.
  3. Sie brauchen Eltern, die die Kinder emotional tragen.
  4. Sie brauchen Eltern, die Grenzen setzen und hierin auch konsequent sind.
  5. Sie brauchen Eltern, die weniger reden als viel mehr handeln.
  6. Sie brauchen Eltern, die ihre Kinder auch loslassen können.
  7. Sie brauchen Eltern, die ihre Kinder nicht für sich haben müssen, als emotionale Stütze oder Wunscherfüllung.

Eigentlich könnte die Reihe der Aussagen noch länger sein. Ich will aber mit einem Gedanken von Dieter Henrich enden:

So man bewusst in den Grenzen menschlicher Erkenntnisse lebt und sein Leben führt, wird man dankbar. Diese Dankbarkeit ist dann eine kontemplative, d.h. eine besinnliche. Die aus diesem Denken heraus entstandene Dankbarkeit bringt uns zu der Erkenntnis, dass wir das Leben, das wir führen, geschenkt bekommen haben.

Danke für Ihre Geduld!

Gehalten am 20. September 2009

nach oben